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KARL-HEINZ WALLOCH
 

Karl-Heinz Walloch

Erinnerungen oder
Das war für mich das DEFA Studio für Dokumentarfilme

Meine erste Begegnung mit dem DEFA-Studio hatte ich im Frühherbst 1958. Wie häufig in meinem Leben war es auch hier der Zufall, der mich zu Artur Killus führte. An einem späten Abend drehte A. Killus in Hamburgs Innenstadt eine Antiatombomben-Demonstration. Bereitwillig half ich ihm seine Akkuleuchte Marke Eigenbau halten. Kein Akkulicht, so wie wir es heute kennen. Ein Motorradscheinwerfer, versehen mit einer 12 Volt Birne, dazu ein schwerer 12 Volt Autobleiakku als Energiequelle, das war Killus portables Reportagelicht. Und es funktionierte. Einige Wochen danach bekam ich vom Hamburger Korrespondenten des DEFA Dokfilmstudios einen Vertrag als Kameraassistent.
Es waren die Jahre der Adenauer Republik, wo ein blinder Antikommunismus weitgehend das politische Leben in der Bundesrepublik bestimmte. Keine Demonstration oder politische Versammlung im Lande, auch in Hamburg, die nicht von der politischen Polizei wie dem Verfassungsschutz observiert wurde. Im Laufe der Zeit bekam ich einen Blick dafür, welche der Personen dazu gehörten. Von daher war die Arbeit von Artur Killus kein leichtes Unterfangen. Seine Devise hieß: Gedreht wird immer, und das belichtete Material muss beim Empfänger ankommen. Unter diesen Bedingungen war die dokumentarische Filmarbeit immer recht spannend.
Das belichtete Filmmaterial gelangte immer auf dem offiziellen Weg ins Studio. Es gab keinen Kurier. Mit Luftfracht auf PAM-Maschinen gelangte der belichtete ORWO-Film von Hamburg nach Berlin-Tempelhof. Der Spediteur Kunzendorf brachte das Material dann ins Dokfilmstudio in die Otto-Nuschke-Straße, seit der Wende wieder umbenannt in Jägerstrasse.
Welche Sujets haben wir damals gedreht? Erinnern kann ich mich an eine Schwedenreise oder die Ankunft eines DDR-Dampfers im Hamburger Hafen. Der hatte Bananen für die DDR geladen. Der Rostocker Hafen war erst im Aufbau für Südfrüchte. Oder an Martin Niemöller, der in Kassel seine bewegende Rede gegen die atomaren Pläne von Franz Josef Strauß hielt. Und an die Julitage 1959 in Wien aus Anlass der Weltjugendfestspiele.
Kurze Zeit nach den Weltjugendfestspielen schied ich als Kamaraasistent bei Artur Killus aus.
Im Frühjahr 1963 holte mich mein vergangenes DEFA-Jahr wieder ein. Wegen Landes- und Hochverrat wurde ich eines frühen Morgens in meiner Wohnung in Hamburg verhaftet und aufs Polizeipräsidium verbracht um dort - wie ein Verbrecher –
polizeierkennungsdienstlich behandelt zu werden. Dann kam meine Befragung nach einem von der Staatsanwaltschaft ausgearbeiteten Fragenkatalog. Der Aufwand war beträchtlich, nur im Ergebnis mager: Zu irgendeiner Anklage kam es nicht, aber ich stand nun auf der geheimen „Schwarzen Liste“. Das merkte ich wenig später bei meinen Bewerbungen. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender von ARD und ZDF suchten Kameramänner. Wo ich mich auch um eine freie Stelle als Kameramann bewarb, es gab keinen festen Vertrag. Hatten hier die bundesdeutschen Geheimdienste etwa ihre Finger mit im Spiel?
In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts kam es erneut zum Kontakt mit dem Dokfilmstudio in Berlin bis zur „Wende“. Im Studio traf ich auf Kollegen, die sich durch ihre qualifizierte Ausbildung an der Filmhochschule auszeichneten. Und – anders als im Westen – sie hatten Zeit für ihre kreative Arbeit. Auch konnten sie miteinander über ihre Filmprojekte oder künftigen Aufgaben sprechen, ohne dass der Stoff, die Idee von einem Kollegen angeeignet wurde. Das waren für mich traumhafte Bedingungen.
Auch die Kantine im Studio hatte eine Funktion. Nicht nur zum 2. Frühstück oder zum Mittagsessen traf man sich hier. In Erinnerung geblieben sind der „Falsche Hase“ sowie die „Königsberger Klopse“, die hier mittags oft angeboten wurden. Die Kantine war auch allgemeiner Treffpunkt. Hier traf man sich auf einem Kaffee, um Termine abzusprechen oder um News auszutauschen. Die Preise, die man für Kaffee oder Speisen zahlte, waren mehr als sozial.
Ein anderer Punkt, der mir einfällt, war die große Kollegialität unter- sowie miteinander. Das setzte sich fort bei der Internationalen Dokfilmwoche im November in Leipzig. Nach dem Programm im Festivalkino schloss sich dann die Moritzbastei an. Hier kostete das Glas Bier ca. 20 Pfennige.
Wie das DEFA-Dokumentarfilmstudio ist - auch wenn die Dokwoche die Wende
überlebt hat - die originale Dokwoche Vergangenheit.

Karl-Heinz Walloch