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DR. O. HOLL
 

Von Dr. Oskar Holl, München

Der Dokumentarfilm und die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit

Meinen ersten Kontakt mit dem DEFA Studio für Dokumentarfilm hatte ich relativ spät, Mitte der achtziger Jahre. Ich war soeben Programmberater für Dokumentarfilm bei der Redaktion Film und Teleclub des Bayerischen Fernsehens geworden und sollte für einen neuen Hauptabteilungsleiter Programmideen zur Aufwertung des Dokumentarfilmsendeplatzes “Teleclub” im Dritten Fernsehprogramm des BR entwickeln. Eines meiner Ziele von Anfang an war eine Internationalisierung des Programmangebots, und zwar von der bisherigen West-Orientierung weg zu einer Öffnung auch in den Osten. Als Gründungsmitglied eines Kommunalen Kinos waren mir die Dokumentarfilme der DEFA natürlich ein Begriff. Und da ich einen österreichischen Pass hatte und der Vermittlung durch die westdeutsche, allerdings, wie jeder wusste, von Ost-Berlin gesteuerte und alimentierte Verleihfirma Unidoc eher abhold, konnte ich als relativ unauffälliger Emissär einer ARD-Anstalt nach Ost-Berlin und nach Babelsberg fahren, ohne diplomatisches Aufsehen zu erregen.
Der Anfang von meiner Seite also war, wenn auch in bescheidenem Maße, subversiv – soweit es subversiv war, vom DEFA-Außenhandel in der Milastraße in Ost-Berlin empfangen und während der Sichtungen mit belegten Broten bewirtet zu werden... Die Begegnungen mit einigen Filmschaffenden des DEFA Studios für Dokumentarfilme und mit verschiedenen Angehörigen der Leitungsebene waren dann, nicht zuletzt deshalb, weil ich mit meinem Privatauto eingereist war und deshalb flexibel sein konnte, schon weniger offiziös. Die Gespräche sodann bemerkenswert offen und ohne Beschönigungen. Mit dieser Haltung hatte ich, fast ohne es zu wissen, ein Merkmal getroffen, das für das Dokumentarfilmschaffen der DEFA zunehmend charakteristisch geworden war. Hier hatte der schöne Brechtsche Gedanke von den “Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit” in einer Weise Gestalt angenommen, die sich die Gründer dieser im deutschen Sprachraum einmaligen staatlich finanzierten Produktionsstätte für Dokumentarfilme und dann die “politischen Leiter”, wie es im DDR-Deutsch so schön hieß, wohl nicht hätten träumen lassen.
An sich war ich, filmhistorisch interessiert, schon neugierig gewesen, eine Kultur der Filmherstellung kennenzulernen, die in vielem noch an das Vorkriegsdeutschland und an die Tradition einer noch nicht einmal nazistisch gewordenen UFA erinnerte. Für jemand, der in Westdeutschland lebte und sich längst an das Autorenkino gewöhnt hatte, war diese immer noch industrielle, wenngleich von manchem Mangel belastete Art der Filmherstellung gewissermaßen der Gegenpol zu Hollywood. Und dass der 17-Millionen-Staat DDR eine große, an westlichen Ländern gemessen sogar überproportional große Filmproduktion hatte, an Spielfilmen ebenso wie an Dokumentarischem, stand außer Zweifel.
Gemeinsamer Ausgangspunkt war zweifellos auch für den DDR-Dokumentarfilm der Kulturfilm gewesen. Der Bildungsimpuls der frühen Nachkriegsjahre, den weniger Wohlwollende vermutlich mit einiger Berechtigung auch hätten Propaganda-Impuls nennen können, hatte offensichtlich eine Reihe von Jahren die Produktion geprägt. Die Geschichte des DDR-Dokumentarfilms, die mir im Laufe meiner Beschäftigung auch einigermaßen klar geworden war, wird in diesem Rückblick sicher an anderer Stelle abgehandelt.
Was mich aber frappierte, das war eben die Emanzipation der Dokumentarfilmer vom Beiprogramm-Film, vom reinen Gebrauchswert hin zur Kunstform Dokumentarfilm (“film documentaire de création”, wie es die Franzosen so schön und zutreffend nennen), eine
Emanzipation nicht nur der Form, sondern auch des gesellschaftlich-politischen Subtextes. Hatte ich Volker Koepp schon vorher in einigen Beispielen gekannt, so begegneten mir die frühen und anscheinend im eigenen Land ziemlich verpönten Filme eines Jürgen Böttcher erst in den Verkaufssichtungen, mit denen der staatliche Außenhandel Deviseneinnahmen zu erzielen erhoffte: da waren sie auf einmal nicht mehr tabuisiert. Aber auch scheinbare Nebenwerke Volker Koepps wie “An der Unstrut”, ein Film über Gerettetes oder noch nicht Zerstörtes inmitten der Umweltzerstörung, und wenn dann über dem Bild einer Flusskurve die Air aus Bachs D-Dur-Suite einsetzt, dann ist, so meine ich, bei jedem halbwegs fühlenden Betrachter das Fassungsvermögen für Schmerz, für das Bewusstsein des fast schon unwiederbringlich Verlorenen, überschritten. Hier werden Bilder und Töne auf eine Weise politisch, dass ich mich zu wundern begann, wie lange ein Land noch solche Fragen aushalten kann. Oder: das heitere “In Georgien” von Jürgen Böttcher, offensichtlich gedreht auf Farbfilmmaterial zweiter Wahl von Orwo. Ein gewissermaßen am Zaum geführter Ausbruchsversuch, Ausbruch gerade noch möglich, dieser aber führend in eine Welt, die so herzlich, fremdartig und von politisch Getreuen schier nicht mehr steuerbar ist. Betrachtet man das Schicksal jener Kaukasus-Republiken in der Zeit nach Gorbatschow, dann wird einem erst klar, wie prophetisch und politisch präzise dieser vermeintlich reine Künstler Jürgen Böttcher war.
Der DEFA-Dokumentarfilm, gerade der gelungene, will “gelesen” werden nicht nur mit Liebe, was an sich schon ein Paradoxon für das Genre Dokumentar-Film ist, sondern auch mit jenem kritisch-rationalen Geist, der einem Brecht die Ideen zum “Schreiben der Wahrheit” geschenkt hat und der, bei aller Kritik an Kritisierenswertem, zu dem Besten gehört, was die Kultur der in der DDR lebenden Menschen den übrigen Regionen deutscher Sprache weiterzugeben versucht hat: dass es Filme gibt – heute muss man leider schon sagen: gegeben hat –, die das Herz des Menschen erreichen, indem sie zu dem Kopf sprechen. Und Geist ist heute unausweichlicher Weise noch genauso subversiv wie zu den Zeiten der ägyptischen Pharaonen, von denen die “Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit” bekanntlich handeln.
Selbst in den nach der Wende entstandenen Dokumentarfilmen wie etwa denen Volker Koepps ist, wenn ich es recht verstehe, noch viel von den besten Stücken der DEFA-Schule enthalten, ist nicht alles nur Personalstil. Das gilt für die vergleichsweise frühen, gleich nach 1990 entstandenen ebenso wie für die großen der letzten Jahre, etwa “Kalte Heimat”. Ganz zu schweigen natürlich von Rückblicken wie der vielteiligen Saga von den Damen aus dem einstigen Obertrikotagenwerk Wittstock und ihrem mit beispielloser – soll man sagen, von Fontanescher Gefühlsdisziplin inspirierter und darum besonders zu Herzen gehender – Lakonik fortgeführten Lebenslauf hinein in die westliche Neue Unübersichtlichkeit.
Auch “Poel”, in den Nachwendejahren ein Begriff, ja inzwischen eine Legende geworden, wäre ohne den Geist des Zusammenhalts, der nur von den ehemaligen Kollegen des DEFA-Studios für Dokumentarfilme kommen konnte, nicht denkbar gewesen. Dieses erste Treffen unter dem Motto “Drehort Ostdeutschland” zuerst und anschließend “Drehort OstWestdeutschland” war eine Plattform, wie sie kein Seminar und kein Festival in der alten Bundesrepublik je geboten hätte. Wünschen wir den Veranstaltern, die von der Insel Poel ja nur vor den örtlichen beglatzten Dumpfköpfen in das urbanere Wismar ausgewichen sind, dass im neuen Landesfilmzentrum Mecklenburg-Vorpommern die Newtonschen Apfelbäume zu filmischen Einsichten beitragen, die zumindest die Köpfe, wenn schon nicht wie bei weiland Sir Isaac die Welt bewegen. Was sie dazu in Stand setzt und ganz bestimmte Verkehrsformen, Formen des Umgangs miteinander, stiftet, ist allem Anschein nach weiterhin die DEFA-Tradition.

Oskar Holl, geb. 1938 in Wien, Dr. phil., Programmberater des Bayerischen Fernsehens bis 2003,
Filmproduzent und Mitinhaber des Verleihs der Filmemacher, München