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TREFFPUNKT KINO
 

Ingrid Poss

Treffpunkt Kino


 
 

Hinter diesem wenig schillernden Titel verbarg sich in den 70er und 80er Jahren die einzige Kinosendung im DDR-Fernsehen: konzipiert als Ratgebersendung für den filminteressierten Laien. Ihre Thematik: die internationale Kinoszene (vorwiegend Ost), mit dem Schwerpunkt DEFA-Film und multinationales Kino der Sowjetunion. Hollywood wurde in diesem Mix höchstens eine Fußnote zugestanden, jedenfalls bis Anfang der 80er Jahre; da öffnete sich dann der eiserne (Kino-) Vorhang zunehmend auch in Richtung Westen.„Treffpunkt Kino“ - und damit sein Team - hatte drei Auftraggeber. Geldgeber war der Progress Film-Verleih, Produzent das DEFA-Studio für Dokumentarfilme (jedenfalls so sein Name bei der Auflösung), Sender das DDR-Fernsehen. Was nichts anderes hieß als: wer das Geld zahlt, bestimmt die Musik (Progress), wer das Geld nimmt, hat sich den Wünschen seines Auftraggebers tunlichst zu beugen (Studio), und wer es flimmern lässt, entscheidet letztlich über Inhalt, Charakter und Trend der Sendung (DDR-Fernsehen). In jedem der oft wechselnden Bünde (mal Progress mit dem Studio gegen das dogmatische Fernsehen, das stets mit der Allmacht der Abteilung Agitation beim ZK der SED drohte; mal Progress mit dem Fernsehen gegen das zu liberale Studio mit der Drohung des Geldentzugs auf der einen oder der Drohung, die Sendung einzustellen, auf der anderen Seite) wurden in jahrelangem zähen Ringen die Grenzen ausgetestet.
Niemals, das muss zur Ehrenrettung des Dokumentarfilmstudios betont werden, schlossen in den 15 Produktionsjahren im Babelsberger Betriebsteil Studio und DDR-Fernsehen einen Bund gegen die Geldgeber (was ein enormer ökonomischer Fehler gewesen wäre, denn der Geldtopf war groß, und bei einiger Raffinesse war eine Umverteilung an die Sorgenkinder des Hauses durchaus möglich) geschweige denn gegen das Team. Der Leiter, in dessen Gruppe die Sendung zuerst produziert wurde, schmetterte die Anwürfe des Auftraggebers oder des Fernsehens vehement ab, der nächste verhielt sich überhaupt nicht. Aber es gab, gottlob, einen couragierten Chefdramaturgen, der immer Mittel und Möglichkeiten fand, sich schützend vor seine künstlerischen Mitarbeiter zu stellen, also auch vor das Team von „Treffpunkt Kino“. Die Sendung wurde, bevor sie im Zuge der Umstrukturierung des Studios nach Babelsberg ging, in Berlin produziert (ein Moderator war u. a. der DDR-Star Herbert Köfer) und hatte sich mit der Zeit tot gelaufen. Nun sollten die Babelsberger Besen bei gleichbleibender schlichter Auftraggeber-Konzeption besser kehren, was sich zunächst ganz gut anließ.
Die Sendung kam in eine der größten und mächtigsten Gruppen des Studios mit einem für damalige Verhältnisse immensen Geldetat: die Gruppe Industrie- und Werbefilme; also Werbung zu Werbung. Was die Geldgeber natürlich nicht bedacht hatten, war die Besetzung des Stabes durch zwei Regie-Absolventen der HFF und eine Dramaturgin, die die Leitung der Gruppe übernahm. Zum Stab gehörten je ein Produktionsleiter und ein Aufnahmeleiter, zwei Assistenten und ein fester Schneideraum. Jeden Monat waren 90 Sendeminuten zu produzieren. Alles wurde auf 35 mm gedreht, Videotechnik gab es im Studio erst in den späten 80er Jahren, aber nur in geringem Umfang und ausschließlich für Produktwerbung für die Industrie. Die fertige Sendung musste vor der Ausstrahlung im Adlershofer Fernsehstudio gemazt werden.
Natürlich hatte der Stab seine eigenen Vorstellungen über die Sendung. Der Werbeauftrag für das Produkt Film wurde akzeptiert, ebenso der geforderte Unterhaltungs- und Informationscharakter der Sendung. Aber wir alle waren Filmenthusiasten und wollten unser Wissen an die Zuschauer weitergeben (zu „intellektuell“ und zu „cineastisch“ waren bis zum Schluss der Sendung dann auch die schlimmsten Vorwürfe durch den Geldgeber und das Fernsehen der DDR, zart besaitet durfte man da nicht sein...). Nach der Methode der kleinen Schritte setzten wir einen Filmkritiker der „Jungen Welt“ als Moderator durch, der dann leider wegen einer anrüchigen Kolumne bei einem hohen Funktionär in Ungnade fiel und an den Fernschreiber verbannt wurde. Der Junge war frisch, frech, intelligent und sprachlich originell. Er schrieb seine Texte selbst, einer der größten Vorzüge für einen Moderator, der weiß, worüber er befindet und nicht spielen muss, was er da aufsagt (und nicht versteht... Unvergesslich bleibt die Frage einer seiner späten Nachfolgerinnen von der spielenden Zunft, wie sie denn jenen Punkt oder diesen Gedankenstrich zu sprechen habe).
Und wir wollten natürlich zu Festivals fahren. Die westlichen schlossen sich aus Valutagründen von vornherein aus... Ein einziges Mal haben wir 1990 auf der Berlinale gedreht, vier Monate vor dem endgültigen Aus der Sendung. Natürlich im 35mm-Format, was für das Festival eine starke Herausforderung war. Denn wir brauchten enorm viel Licht, und unsere Lampen waren nicht nur hässlich, sondern auch äußerst sperrig. Und natürlich wollten wir sowohl die Eröffnungs- als auch die Abschlussveranstaltung drehen. Wir hatten zwar eine Videokamera dabei, aber das Studio konnte uns keine Kassetten mitgeben. Die bezahlte eine Westfreundin. Und so drehten wir illegal, am Studio vorbei, mit dem Titel “tabula rasa“ einen 45minütigen Essay über die Verbotsfilme des 11. Plenums 1965, die nach einem Vierteljahrhundert Tresordasein auf der Berlinale das erste Mal einer internationalen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Nur der Chefdramaturg war eingeweiht. Wir schnitten nachts und fuhren mit dem fertigen Produkt zum WDR nach Köln und machten unser erstes Geschäft mit dem Westen.
Aber zurück. Der Westen war uns also verschlossen, aber der Osten blieb uns allemal. Es gab Moskau und Karlovy Vary und Gdansk und Budapest und die alles überragenden
Allunionsfestivals. Sie wurden jedes Jahr im April oder Mai in einer anderen Hauptstadt der Sowjetunion durchgeführt: bunt, laut, pathetisch, herzlich - mit viel guter und schlechter Kunst, exotischem Essen und viel Alkohol (Grusinien und Aserbaidshan, aber auch die Ukraine und die mittelasiatischen Republiken schossen den Vogel ab). Der Ostblock blieb ganz unter sich, erst in den 80er Jahren wurden einige westliche Journalisten zugelassen. Das waren also unsere Tummelplätze für Interviews und Festivalberichte, die nur wir hatten - und dazu die Creme der Unionsregisseure und –schauspieler. Budapest und Gdansk waren ebenfalls nationale Festivals, aber lange nicht mit dem unnachahmlichen Flair der Allunionsfestivals.
Der großen weiten Welt begegneten wir auf den Festivals in Moskau oder Karlovy Vary, die alternierend alle zwei Jahre stattfanden. Hier drehten wir u.a. mit de Niro, Attenborough, Rosi, Saura, Nero und einer Reihe BRD-Regisseure und Schauspieler. Wir holten darüber hinaus auch Westregisseure nach Berlin-Ost (u. a. Margarethe von Trotta oder Peter Schamoni) in private Wohnungen, was bei Strafe unseres Untergangs im Vorfeld nicht herauskommen durfte. Einmal fuhren wir nach Prag, wo Bernhard Wicki drehte, um ein Interview zu machen. Vorher sollte der Stab unterschreiben, dass er keinen Kontakt, weder menschlich noch sprachlich, mit Westbürgern aufnehmen würde (was wir mit Hinblick auf unseren speziellen Dienstreiseauftrag nicht unterschrieben).
Und dann - das soll überhaupt nicht gering geschätzt werden - waren wir im DEFA-Studio für Spielfilme beinahe mehr zu Hause als bei uns im Dokfilm. Wir machten Drehreportagen für fast jeden Film, wir drehten in Funden und Werkstätten und krochen durch jeden Winkel dieser riesigen Filmstadt mit ihrem unwiderstehlichen Charme. Wir kannten alle Regisseure, die meisten Schauspieler, Szenographen, Kostümbildner, Gruppenleiter und Chefs aller coleur. Der Untergang dieses Studios besiegelte auch unser Ende (und natürlich die Abwicklung des DDR-Fernsehens).Also: von unserem cineastischen Sendungsbewusstsein waren wir nicht abzubringen, niemand schaffte das in all den Jahren, bei keinem von uns. Irgendwann waren wir alle abgestempelt, und da uns das Studio nicht auswechselte (wir erfüllten den Plan und waren überdies Kollektiv der sozialistischen Arbeit), fand man sich mit uns ab. Der sozialistische Reinheitswahn unserer Auftraggeber – insbesondere des DDR-Fernsehens - trieb manchmal sonderbare Blüten. Mal durften wir keine schönen Landschaften in exotischen Gegenden oder bedeutende Bauwerke in westlichen Ländern zeigen (wie Eifelturm, Sky line von New York), um beim DDR-Bürger keine unangemessenen Reisebedürfnisse zu wecken. Dann gings um Plastetüten mit Westaufdrucken oder die berüchtigten zu langen oder zu kurzen Haare.
Den albernsten Eingriff in die Sendung aber leistete sich das DDR-Fernsehen höchstselbst. Als wir uns im Studio die Dezember-Sendung ansehen wollten, stellten wir fest, dass die komplette Moderation neu und mit einem fremden Moderator gedreht war. Nach Anfragen kam die Antwort, dass Kerzen und Weihnachtsgestecke im DDR-Fernsehen erst ab 23. Dezember visuell erwünscht seien, um die Arbeitsproduktivität der Werktätigen nicht zu gefährden (in diese Zeit fällt auch die Wort-Neuschöpfung für den ehemaligen Engel: Jahresendfigur mit Flügeln...). Im Nachhinein kann man nur darüber staunen, mit welchen fast akrobatisch zu nennenden Verrenkungen sich Menschen (beileibe nicht nur Genossen ... die Nichtgenossen waren in ihrem vorauseilenden Gehorsam fast noch schlimmer) um die Erhaltung der reinen sozialistischen Lehre bemühten. Das hat uns belästigt und behindert, aber den Spaß am Kino konnte uns keiner nehmen. So haben sich die 15 Jahre „Treffpunkt Kino“ zwar nicht verklärt, und der permanente ätzende Polit-Kleinkrieg ging uns schwer auf die Nerven und löst heute noch einen üblen Beigeschmack aus. Aber wir hatten unseren Auftraggebern vom DDR-Fernsehen eins voraus: wir liebten Filme, wir waren Freaks, und unser Enthusiasmus half uns, das ewige Genörgel über den fehlenden Klassenstandpunkt, die mangelhaft entwickelte Liebe zur Arbeiterklasse und unser dekadentes Cineastentum irgendwann einfach zu ignorieren.Und als wir uns das nicht mehr hätten anhören müssen, schloss sich der Vorhang, und „Treffpunkt Kino“ war Geschichte. Die Kopien wurden vernichtet, als sich das Progress-Auslieferungslager verschlankte; ob es im Deutschen Rundfunkarchiv noch einige MAZ-Kopien gibt, ist nicht bekannt. Aber es existieren Kinoakten in schrecklichem Zustand. Sie wurden, als die produzierende Gruppe aus ihrer Villa in der Stahnsdorfer Straße ausziehen musste, einfach aus dem Fenster in den Hof geworfen, und da fand sie die ehemals leitende Dramaturgin und sicherte sie: drei Waschkörbe voll, die Produktionsbilanz zwischen 1976 und 1990.
Konez filma - wie die Russen sagen
Konez Konez filma, wie die Russen sagen, Ende des Films.

Auswahl
Sendung 7/79(Sommerfilmtagssendung)
Einfach Blumen aufs Dach / DDR
Das Ding im Schloss / DDR
Der Kaiser der Taiga / UdSSR
esucht wird: Johnny /SR Rumänien
Der Querkopf / Frankreich
Sieben Sommersprossen / DDR
ABBA / Schweden(Mittels einer kompletten Spielhandlung führte der Distel-Kabarettist Edgar Külow durch die Sendung. Sie entstand im D-Zug zwischen Berlin und Steinbach-Hallenberg, das zum Eröffnungsort der Sommerfilmtage erkoren war und endete im dortigen Kinocafé, wohin auch die Hauptdarstellerin des Films „Einfach Blumen aufs Dach“, Barbara Dittus, „eingeflogen“ war.)Sendung 11/82Die andere Frau / SFRJPlattfuß am Nil / ItalienNotwehr / JapanNacht der Angst / CSSRDer Dieb und die Geisha / JapanJahreszeiten einer Ehe / USA

Ingrid Poss: Leitende Dramaturgin; Regisseurin von „Treffpunkt Kino“