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INDUSTRIE/WERBEFILM
 



 

Manfred Gussmann

Zufälle, Erfahrungen, Bilanzen und Referenzen

Manchmal werden im Leben Weichen gestellt, deren Auswirkungen man erst viel später erkennt. So hatte z. B. meine Mutter mir zum 12. Geburtstag ein Buch geschenkt, dass Jahre danach mein Leben entscheidend beeinflussen sollte. Es hieß „Ich filmte für Millionen". Sein Autor war Dr. Martin Rikli, ein Schweizer, der in Dresden an der Technischen Hochschule, Chemische Fakultät, promoviert hatte und später, als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Regisseur in der Kulturfilmabteilung der UFA tätig, durch die Welt reiste.
Ich war in der Jugendzeit durchaus kein extrem begeisterter Kinogänger, las viel lieber Karl May, manches Buch auch zweimal. Das von Rikli habe ich mindestens vier- mal gelesen. Je öfter ich darin herumblätterte wuchs in mir der Wunsch, einmal etwas Ähnliches zu tun. Mir wurde auch klar, dass Vergleiche einfach nicht gegeben waren.
M. RikIi war Schweizer Nationalität und damit keinerlei Reisebeschränkungen in der Nazizeit unterworfen.
Ich hatte damals eine 4 in Chemie und keine Absicht diese Note zu verbessern, zumal der Lehrer meiner Meinung nach blöd war.
Außerdem marschierte das 1000-jährige Reich mit Gedröhn und Marschmusik und für uns Jungs mit Geländespielen in Richtung Krieg.
Die jüngeren Lehrer, Assessoren und Studienräte waren bereits zur Großdeutschen
Wehrmacht eingezogen und wir bekamen eine promovierte Chemikerin aus der Industrie, um uns in die Geheimnisse der stofflichen Welt einzuführen. Und dies gelang ihr vortrefflich. Obwohl keine ausgebildete Pädagogin, verstand sie es uns zu motivieren. Sie sah blendend aus, machte tolle Experimente und unsere Chemie-Zensuren verbesserten sich. Bei mir stand am Jahresende in Chemie eine 1.
Mit 17 Jahren wurde ich mit einem Reifevermerk, Notabitur, aus der Oberschule
entlassen und rückte über Berlin zur Grundausbildung nach Holland ein.
Meine militärische Laufbahn ist kurz geschildert, denn sie unterscheidet sich kaum vom Schicksal 100-tausender Leidensgenossen. Eingesetzt an der Ostfront kam ich in russische Gefangenschaft nach Wologda, das liegt etwa 500 km hinter Moskau in der Tundra. Durch eine Verkettung glücklicher Zufälle konnte ich bereits im November 1945 etwas angeschlagen aber einigermaßen gesund zurückkehren. Jetzt hieß es Abitur nachmachen, denn ich wollte ja Chemie studieren. Die Abiturzensuren waren nicht toll, aber nach dieser unfreiwilligen Unterbrechung kein Wunder.
Zwischendurch arbeitete ich als freier Autor beim Mitteldeutschen Rundfunk Sender Leipzig, Redaktion Schulfunk und Frauenfunk, und schrieb Hörspiele und Reportagen. Außerdem war ich für ein Trickfilmstudio in Dresden tätig, das sich auf die Produktion wissenschaftlicher Filme spezialisiert hatte, um nicht sichtbare Vorgänge optisch anschaulich zu demonstrieren.
Nun fehlte nur noch das Chemiestudium. 1948 wurde ich an der Technischen Hochschule Dresden, Chemische Fakultät, immatrikuliert.
Während des Studiums gründete ich die Arbeitsgemeinschaft Film und Bild an der TH und übernahm die Leitung eines Laienfilmstudios beim Kulturbund Dresden. Nach Absolvierung des allgemeinen Chemiestudiums ging ich ins Wissenschaftlich Photografische Institut zur Subspezialisierung. Dort schloss ich als Diplomchemiker im September1953 ab. Im letzten Studienjahre, vor Beginn meiner Diplomarbeit, war ich in den Semesterferien im Zentralen Farbfilmkopierwerk der DEFA in Köpenick zum Schnupperkurs. Das ist insofern wichtig, weil ich mir von dort das Thema für meine Diplomarbeit mitbrachte. In Bezug auf meinen zukünftigen Weg war dies wichtig, da die Entwicklung nicht sofort in die gewünschte Richtung lief; sondern ein gewisser Umweg notwendig war, der aber später als durchaus positiv eingeschätzt werden muss. Um das besser verstehen zu können, muss ich an dieser Stelle das Thema meiner Diplomarbeit nennen, „ Ein Verfahren zur Herstellung einer Silbertonspur auf Colorfilmen unter Ausnutzung der Restlatenzen nach der Rebromierung“.
Folgerichtig erhielt ich neben einem Angebot von der AGFA Wolfen meine 1. Anstellung bei der DEFA, natürlich nicht in einem Filmstudio, sondern im Köpenicker Kopierwerk als Leiter des Betriebslabors. Glücklicherweise kannte ich bereits vom Praktikum her den Betrieb einigermaßen. Mit Hilfe der Mitarbeiter im Betriebslabor gelang es, die Entwicklerlösungen speziell der Positivmaschinen durch eine veränderte Regeneration zu stabilisieren, die Tonentwicklung durch Viskositätsmessungen zu kontrollieren und damit den bis dahin oft entstehenden Ausschuss zu minimieren. Eines Tages stürzte ein Mitarbeiter aus der Schwarz -Weiß Negativentwicklung mit einem gelben Filmabschnitt in mein Zimmer. Er hatte, wie sich herausstellte, 16mm Negativ Colorfilm aus Versehen an eine Schwarz - Weiß Maschine angehangen. Es handelte sich dabei um die Dokumentation einer seltenen Operation eines bekannten Professors aus der Charite Berlin, und damit komme ich wieder zu meiner Diplomarbeit. Durch Umwandlung des entwickelten Silbers wieder in Bromsilber, Sekundärbelichtung, anschließender chromogenen Entwicklung und entsprechender Nachbehandlung gelang es, in den Streifen wieder Farbe hineinzuentwickeln, die Aufnahmen also zu retten. Mein Gehalt wurde von 750,- M auf 1000,-M monatlich erhöht. Alles gut und schön, aber ich wollte ja in ein Filmstudio.
1955 gelang es mir, eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studio für Populär-Wissenschaftliche Filme in Babelsberg zu erhalten. Also war ich am Ziel meiner Wünsche; von der Anstellung her ja, von der Arbeit noch nicht. Ein Zufall kam mir zur Hilfe. Ein älterer Regisseur, der einen Film über Ultraschall für das Beiprogramm im Kino realisieren sollte, kam mit dem Stoff nicht zurecht. Ist vielleicht auch verständlich, denn man kann das Phänomen weder sehen noch hören, es ist also ausgesprochen filmfeindlich. Die Studioleitung übergab mir mit dem bereits gedrehten Material den Auftrag mit möglichst geringen Kosten den Film zu retten. Für die von mir entwickelte Konzeption war das vorliegende Material nicht brauchbar. Es musste alles neu gedreht werden und es entstand ein Film, der mit Erfolg durch die Kinos lief. Auf dem internationalen Festival in Wien erhielt er ein Ehrendiplom und in Belgrad eine Silbermedaille.
Nun einige Bemerkungen zu wichtigen Filmen, die zumindest zum Teil auch für die Entwicklung des Studios von Bedeutung waren.
1957 entstanden noch die Filme, „Farbfotografie", eine Dokumentation über die Entwicklung der Fotografie in Farben unter besonderer Betonung des AGFA - Dreischichten Materials, und „Es ist kein Geheimnis" , ein Streifen über den Einsatz von Kunststoffen im Dekorationsbau. Der erste erhielt ein Ehrendiplom in Belgrad, der zweite bekam in Mexiko eine ehrende Anerkennung.
Im gleichen Jahr wurde der Film „Signale aus dem All" produziert, eine populär gefasste Geschichte über die Entdeckung und Bedeutung der Radioastronomie. Bei diesem Thema gab es, entsprechend der Zeit, genügend Stolpersteine. Beflissene Funktionäre in der HV-Film und auch ein Professor im ZK der SED hatten sofort die ideologischen Mängel des in ihren Augen unwissenschaftlichen Machwerkes erkannt.
Ein in Amerika lebender Pole sollte der Entdecker der Radioastronomie sein, niemals, - dafür käme nur ein Russe in Frage. Die Engländer hatten die Störungen ihrer Radarstationen im 2. Weltkrieg als Radioströme, hervorgerufen durch eine extreme Aktivität der Sonne, erkannt, - das hieße ja den Krieg zur Erkenntnisgewinnung feiern und, last but not least, ein Professor aus Westberlin, der Leiter der radioastronomischen Station in Adlershof, für Nichteingewehte damals in Ostberlin, hatte die Fachberatung übernommen, - man hatte ihn in Westberlin auf dem Kurfürstendamm beim Kaffeetrinken gesehen, unmöglich - und dazu noch, der Film fing mit Zeitrafferaufnahmen von Wolken - unterlegt mit dem Engelskonzert von Gluck - an mit der Frage, wie mag es hinter jenen Wolken aussehen, wird dort das Schicksal der Menschen bestimmt ? Man verstieg sich zu der Feststellung, den Film hätte der Vatikan in Auftrag geben können. Das alles und noch mehr wurde in einer Betriebsversammlung diskutiert. Eigentlich ein Grund eine S-Bahnkarte zu lösen und mit Frau und Kind nach Westberlin zu fahren, das war ja noch möglich. Aber meine Frau wollte nicht ihre Eltern und schwer erkrankte ältere Schwester in Coswig bei Dresden zurücklassen, und das war richtig so. Für mich wurde es dann auch nicht ganz so schlimm. Ich wurde 1957 etwas aus der ideologischen Schusslinie genommen und sogar technisch-wissenschaftlicher Leiter des Studios. Man wollte offenbar meine Kenntnisse für den Betrieb und die DEFA erhalten. Meine neue Tätigkeit als technisch-wissenschaftlicher Leiter lag mehr auf Wissenschaft, das hieß perspektivische Entwicklungen, Planung und Durchführung von Investitionen etc.
Die täglichen Routineaufgaben erledigten viel besser als ich es gekonnt hätte, hervorragende langjährige Fachleute der Bildwerkstatt, Elektroabteilung, Bühne und Beleuchtung, Schlosserei, Tischlerei und Tontechnik. Wichtige Etappen dieser Tätigkeit waren die Veränderung der Tonauffnahmetechnik durch Einsatz leichter transportabler Aufnahmegeräte, der verstärkte Einsatz hochwertiger kurzbrennweitiger Objektive und Zoomoptiken zur Erweiterung der Bildgestaltung, die Einführung der CinemaScope Technik im Studio, die Unterstützung und Beratung der Kameraleute hinsichtlich der Kopieranstalt und dem Rohfilmhersteller zur Absicherung einer hohen Qualität des Originalnegativs, die technische Erweiterung der biologischen Abteilung etc., um nur einiges zu nennen.
Man hatte mich im Laufe der Zeit in den wissenschaftlichen Beirat der DEFA berufen. Ich wurde Mitglied der staatlichen Abnahme und Zulassung bei der HV Film für Nichtspielfilme und übernahm den Vorsitz der Nachwuchskommission im Studio.
In jenen Tagen gab es schon einige recht ungewöhnliche Vorgänge, die man eigentlich nur aus den gegebenen Umständen richtig verstehen kann. Man macht sich auch nicht immer Freunde, wenn man etwas Neues einführt. Die Veränderung der Tonaufnahmetechnik für ein Studio, dessen Aufnahmeorte fast ausschließlich außerhalb des Ateliers lagen, der Einsatz leichter mobiler Tontechnik, die synchrone Aufnahmen zuließ, war von großer Bedeutung. Auf der Leipziger Messe hatte eine renommierte Schweizer Firma eine entsprechende Technik ausgestellt. Ich ließ mir ein Angebot machen; denn zu den Aufnahmegeräten gehörte auch noch die komplette Weiterverarbeitungstechnik.So gut, so schön. Was noch fehlte war das Geld. Auf der Messe hatte das Ministerium für Kultur, Hauptverwaltung Film, ein Büro. Der Finanzboss der Einrichtung hörte sich trotz Messehektik mein Anliegen an, stimmte mir zu, verschwand aus dem Zimmer, kam nach ein paar Minuten wieder und erklärte mir, du kannst den Vertrag vorbereiten, 2 Elefanten für einen Zoologischen Garten können dieses Jahr nicht mehr geliefert werden. Da wird Geld frei. Er war ein freundlicher und verständnisvoller Mann.
Die Direktion des Spielfilmstudios, die davon Kenntnis bekam und zunehmend auch auf Originalschauplätzen zu drehen beabsichtigte, wollte an unsere neue Technik heran. Es gelang uns aber, das zu verhindern.
In unserem Studio wurde der 1. CinemaScope Film der DEFA gedreht und das kam so. Der Vertreter der Firma Eclair aus Frankreich hatte als Ansichtsstück - eine Cinemascope Optik - mit in seinem Handgepäck. Bei einem Mittagessen im Gästehaus der DEFA konnte ich ihn überzeugen, das gute und teure Stück für Probeaufnahmen in Babelsberg zu lassen. Wir haben die Optik angepasst und damit einen Film über Hiddensee gedreht. Natürlich musste die Optik später bezahlt werden, und ich handelte mir einen gewaltigen Rüffel von der Hauptverwaltung Film ein.
Mit der eigenen Regiearbeit war es bescheiden geworden. Außer einigen kleinen Rettungsaktionen für schief gegangene Filme oder einer schnell durchgeführten Planerfüllungshilfe gab es nichts Besonderes zu berichten. Da kam plötzlich eine riesige Aufgabe auf das Studio zu, eine Coproduktion mit dem polnischen Studio in Lodz. Ein in Polen bekannter Autor und Regisseur hatte die tolle Idee die Gulliver Figur von Swift zu benutzen, um in den Mikro- und Makrokosmos einzudringen. Man löste mich aus der technisch wissenschaftlichen Leitung und übertrug mir die Verantwortung als Autor und Regisseur für die DDR-Seite. Das war eine überaus anspruchsvolle und komplizierte Aufgabe, die auch eine Fülle von Schwierigkeiten mit sich brachte. Das ging schon bei der Buchentwicklung los.
Mein Kameramann, Rudi Müller, mit dem ich fast 3 Jahrzehnte zusammen gearbeitet habe, und ich waren der Meinung, man solle dem Gulliver auf seine Reise nach Kosmatom einen Partner oder Partnerin mitgeben, um daraus Konflikte zu entwickeln und den Ablauf spannender zu gestalten. Das wäre auch dramaturgisch möglich gewesen, denn in einer Rahmenhandlung versuchte ein Lehrer vergeblich, seinen Schülerinnen die Grundgedanken des Materialismus zu erläutern. Da erscheint wie der Geist aus der Flasche Gulliver und bietet sich an, dem Lehrer zu helfen. Er sei bereits im Land der Riesen und in LilIiput gewesen und könne sich eine Reise bis zu den Atomen und in die Weiten des Weltalls vorstellen. Wahrscheinlich hatte die Tatsache, dass wir ein populärwissenschaftliches Studio waren und kein Spielfilmstudio und die Sauberkeit des Genres einzuhalten war, den Ausschlag gegeben, Gulliver allein reisen zu lassen. Eine verhängnisvolle Entscheidung.
Ein Drehbuch entstand mit vielen Zeichnungen von Rudi Müller, um die unterschiedlichen Situationen zu skizzieren, mit denen Gulliver konfrontiert werden sollte und gleichzeitig mit Hinweisen zur technischen Realisierung versehen. Die Dreharbeiten gestalteten sich aufwendig und zeitraubend. Die Technik, die uns damals zur Verfügung stand, um Gulliver z.B. auf dem Objektträger eines Mikroskops mit einer Fliege kämpfen zu lassen -, in einem Wassertropfen zwischen Pantoffeltierchen und Amöben herumschwimmen zu lassen, Bakterien und Viren kennen zu lernen, in die Bereiche der Moleküle einzudringen und millionenfach verkleinert in die Welt der Atome vorzudringen, ist mit den heutigen Möglichkeiten der Computertechnik nicht vergleichbar. Auch bei der optischen Eroberung des Weltraumes durch Gulliver gab es erhebliche Grenzen, erschwert durch die Tatsache, dass uns die Tricktechnik der polnischen Seite teilweise fachlich falsche Hintergründe für die Rückprojektionen lieferte. Wie sage ich es meinem Partner ohne verletzend zu sein? Der 2. Weltkrieg war ja noch nicht lange zu Ende. Probleme über Probleme.
Der Film konnte kein Publikumserfolg werden, trotz aller technischen Raffinesse. Er hatte keine abendfüllende Länge und war deshalb nur in Sonderveranstaltungen einsetzbar. Schade, wenn man an die monatelangen Mühen und die von vielen Mitarbeitern geleistete Arbeit denkt.
Wieder kam eine Herausforderung auf mich zu, die meine weitere berufliche Entwicklung entscheidend beeinflussen sollte. Der VEB Carl Zeiss Jena benötigte nach Meinung der dortigen Direktion einen PR-Film, um die optische und feinmechanische Präzision, die der Betrieb in den unterschiedlichen Erzeugnisgruppen seinen Kunden und Partnern bot, zu demonstrieren und sein wissenschaftliches Potential und dessen Einfluss auf vielen Gebieten des Lebens sichtbar zu machen. Ich fuhr also nach Jena und saß dem damaligen Generaldirektor gegenüber. Er beauftragte einige Fachleute, mir bei der Entwicklung des Buches die notwendige Unterstützung zu geben und schloss mit der Bemerkung, er erwarte einen Film, der den weltbekannten Erzeugnissen des Betriebes entspräche. Mit der Maßgabe, auch unsichtbare Vorgänge filmisch zu erschließen, denn bei vielen Instrumenten, die in Jena hergestellt wurden, spielten sich die entscheidenden Abläufe im Inneren ab, gingen wir an die Arbeit. Bei der Abnahme vor der erweiterten Direktion nach Fertigstellung des Filmes, die Vorführung fand in einem Lichtspieltheater (35mm Kopie) in Jena statt, ging das Licht an, der Generaldirektor erhob sich und applaudierte, seine Mannschaft mit ihm. Wir hatten offenbar den Wünschen und Vorstellungen des Auftraggebers entsprochen, Der Film mit dem Titel „Im Dienste des Fortschritts" erhielt 1964 auf dem internationalen Festival des wissenschaftlichen technischen Films in Budapest den Grand Prix, und mein Kameramann Rudi Müller und ich den Heinrich- Greif-Preis II. Klasse des Ministeriums für Kultur 1965.
Ende 1965 kam es zu strukturellen Veränderungen im Studio. Es wurden künstlerische Arbeitsgruppen gebildet, die relativ selbständig agieren konnten. Sie setzten sich aus Dramaturgen, Regisseuren, Kameramännern, Produktionsleitern und Aufnahmeleitern zusammen. Ich wurde als Leiter der künstlerischen Arbeitsgruppe Industrie- und Werbefilme berufen. Es entwickelte sich bald eine ausgesprochen kreative Gemeinschaft, die durchaus nicht nur Industriefilme produzierte, sondern auch bemerkenswerte Filme für das Kino, fürs Fernsehen und andere Auftraggeber. Preise auf internationalen Festivals und der Leipziger Dokumentarfilm-Woche belegen diesen erfolgreichen Weg. Regisseure wie Götz Ölschlegel, Peter Ulbrich, Kurt Weiler mit seinem Kameramann Erich Günther, Siegfried Bergmann, Trutz Meinl, Friedrich Rochow, Hartmut Göhling, um nur einige zu nennen, gehörten zur Gruppe, und es kam noch Fritz Luther dazu, als der bisher selbständige Zeichentrick des Studios integriert wurde. In den folgenden Jahren kam es auch zur Produktion von Serien zum Einsatz im Fernsehen, wie z.B. der Verkehrskompass, die Kinderfilme Clown Ferdinand und Treffpunkt Kino, eine journalistisch aufgemachte Vorstellung künftiger Spielfilme des In -- und Auslandes.
Meine Tätigkeit als Autor und Regisseur kam in dieser Zeit natürlich zu kurz. Trotzdem entstanden 3 Filme, über die es lohnt, einige Worte zu verlieren. Zur Unterstützung der Umbenennung der Filmfabrik Wolfen von Agfa in ORWO wurde ein äußerst aufwendiger PR-Film produziert. Ich hatte das Buch geschrieben und übernahm auch die Regie. Der Film hatte den Titel „That’s ORWO" für die kapitalistische Hemisphäre, und „Informationen auf ORWO- Color“ für den sozialistischen Teil der Welt. Und das kam so. Im Schwarz-Weiß Prolog ging es um die Bedeutung der Fotografie und des Filmes in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens bis hin zur Dokumentation aktueller Ereignisse. In der zunächst vorgesehenen „That’s Orwo" Fassung waren u.a. auch Kennedy und einige sensationelle Ereignisse enthalten. Die Bilder mussten auf Anweisung der Fachabteilung des ZK der SED und dann natürlich schließlich auch auf Wunsch des Auftraggebers ausgetauscht werden. So kam es zu 2 Fassungen, die je nach Land zum Einsatz kamen.
Die breite Erzeugnispalette des Betriebes, nämlich für alle Anwendungsgebiete fotographische Materialien zur Verfügung zu stellen, sollte in dem Film demonstriert werden. Ich erfand so eine Art ORWO-ABC. A = Astronomie, B = Biologie, C = Chemie, D = Dokumentation, E = Endoskopie, C =- Gemälderestaurierung, L= Luftbildfotografie, etc. Es kamen noch Mode, der Sport, Schmalfilm - und Fotoamateur, der Spielfilm und eine Show dazu. In dieser tanzte das international bekannte Friedrichstadt-Palast-Ballett im Atelier des Studios in einer extra dafür gebauten außergewöhnlichen Dekoration. Gedreht wurde im Lande, in Paris, Ägypten, CSSR und der UdSSR. Der Film verschlang den für damalige Zeiten ungewöhnlichen Betrag von 1,5 Millionen DDR-Mark. Er wurde in 12 Sprachen synchronisiert und lief täglich jahrelang in der großen 35 mm Vorführung des Wolfener Betriebs. In der Folgezeit entstand ein neuer Zeiss – Film. Es wurde viel im Ausland gedreht, denn die Erkenntnis hatte sich durchgesetzt, dass es viel wichtiger ist, die Anwendung der Erzeugnisse im unmittelbaren Einsatz in der Praxis zu zeigen als Konstruktionsbüros und Produktionshallen in der eigenen Fabrik. Im Ausland waren die Kosten für die Dreharbeiten meist geringer als im Inland, denn der Drehstab bestand meistens nur aus 3 maximal 4 Mann.
1972 entstand der Film „Textima Anlagen für heute und morgen" Dieser Film führte uns nach Sri Lanka, in die Mongolei und nach Polen. Es ist schon erstaunlich, wenn man in der Teppichfabrik in Ulan Bator von einer mongolischen Facharbeiterin in fast akzentfreiem Deutsch begrüßt wird, sie war in der DDR ausgebildet worden. Der Film erhielt auf dem internationalen Festival in Warna eine Goldmedaille und in Budapest den Sonderpreis der Jury.
Es entstanden noch 3 bemerkenswerte Filme. „Lichtspiele" ein neuer Film für ORWO, ausgezeichnet mit einer Goldmedaille in Warna und einem Sonderpreis in Budapest; „Fakten“ ein Zeiss-Film auf dem neuesten Stand der Technik, Goldmedaille und Sonderpreis in Warna, Silbermedaille in Budapest, und ein Auftragsfilm fur das Fernsehen der DDR, „Charles Darwin - Wege zur Erkenntnis".
Meine Tätigkeit als wissenschaftlich-technischer Berater der Direktion veranlasste mich an die Frage heranzugehen, inwieweit es auch in Zukunft sinnvoll sei - zumindest für kurzlebige Trainings- und Wartungsfilme und zielgerichtete Verkaufswerbefilme - die teure und aufwendige fotochemische Technik zu nutzen. Die professionelle Videotechnik bot die entsprechende Alternative. In Zusammenarbeit mit der Industrie beauftragte mich die Studioleitung mit dem Aufbau einer Produktionsgruppe Video. Das bedeutete ja nicht nur die entsprechende Technik auszuwählen und zu installieren, sondern auch die Einweisung der zukünftigen Mitarbeiter. In Zusammenarbeit mit der technischen Leitung des Fernsehens der DDR gelang ein erfolgreicher Start. Nicht sonderlich beliebt waren die Mitarbeiter der Gruppe bei vielen anderen Studioangehörigen.
Wir wurden als Verräter am Film angesehen, man bezeichnete uns als Videoten. Dabei war es natürlich nach der Wende die Gruppe, die am längsten überlebte und produzierte.
Nach einer gesundheitlich bedingten Unterbrechung habe ich mich nach der Wende meinem alten Hobby als freier Produzent und Regisseur gewidmet und über 20 Filme als Autor und Regisseur realisiert oder bearbeitet - frei nach dem Goethe-Wort „wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen". Das klingt zwar etwas altväterlich, man möge es mir verzeihen, aber schließlich bin ich schon über 75. Und der Film war und bleibt der Inhalt meines Lebens.