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 AUFTRAGSFILM
F. Rochow
K.-H. Halle

FRIEDRICH ROCHOW
 



 

Friedrich Rochow

Arbeit und Leben im DEFA-Studio für Dokumentarfilme

Die Initialzündung
Nachkriegszeit im thüringschen Jena. In der elterlichen Wohnung unseres Zweifamilienhauses hatte meine Mutter in dem kleinen Wohnzimmer eine Umsiedler-Flüchtlingsfamilie aufgenommen. Zu ihren wenigen Habseligkeiten gehörte ein aus den Endzwanziger Jahren stammender 35-mm-AGFA-Amateur-Projektor mit Lampenhaus und Kurbel. Dazu auch ein knapp 30 Meter langer Filmstreifen aus einer alten, stummen Spielfilmkopie. Für den Mann der Familie muss dieser Bildwerfer aus seiner Kinderzeit von solch unschätzbarem, emotionalen Wert gewesen sein, dass er ihm in seinem knappen Flüchtlingsgepäck Platz einräumte.
Die erste "Filmvorführung" elektrisierte mich. Als acht- oder neunjähriger Junge war ich fasziniert und aufgeregt, wie aus der Bilderfolge auf dem Filmstreifen eine Bewegung auf der weißen Tischdecke in unserem Wohnzimmer entstand.
Die Initialzündung war erfolgt. Meine Begeisterung und meine Frageflut zu diesem Zauberkasten muss auf unseren Gästemann einen so unglaublichen Eindruck gemacht haben, dass er mir den Projektor zum Weihnachtsfest schenkte. Das war 1947.
Von da an bis zum heutigen Tag wurde das Phänomen Film zu meinem Lebens- und Berufsinhalt. Seit vielen Jahren befindet sich im Keller meines Hauses eine komplette 35-mm-Ernemann-7B-Vorführung.
Dazwischen liegt mein Leben!
Ein jahrzehntelanger, leidenschaftlicher Weg.
Ich hatte das Glück, aus innerster Begeisterung und Hinwendung, aus Berufung, meinen Beruf zu gestalten.
Zu den "berufsvorbereitenden" Mosaiksteinen während meiner Schulzeit in Jena gehörte auch ein weiteres Weihnachtsgeschenk: ein 6x6-Fotoapparat - eine Box, wie man damals sagte.
Von da an war ich der Fotochronist unserer Grundschulklasse und unser Badezimmer mein Fotolabor.
Ich will auch nicht verhehlen, dass der Verkauf der Fotos an Klassenkameraden nicht nur Kostendeckung brachte, sondern auch das Taschengeld aufbesserte.
Davon und mit Unterstützung aus Mutters Haushaltskasse kaufte ich mir einen bescheidenen Dia-Bildwerfer, der dann die häuslichen "Kinoabende" vor nachbarlichem Publikum bereicherte.
In der 9. Klasse erzählte mir ein Klassenkamerad, dass sein Vater eine 8-mm-EUMIG-Kamera besitze. Als ich dieses Zauberstück das erste Mal sah, schlug mein Herz bis in die Kehle.
Übrigens: damals wusste ich noch nicht, dass der Besitzer der 8-mm-Kamera - der Vater meines Klassenkameraden - der berühmte Physik-Professor Zöllner, Mitarbeiter der Carl-Zeiss-Werke, u.a. auch der "Vater" der später weltberühmten Weitwinkelgenerationen "Flektogon" war.
Ich lieh mir diese Kamera und konnte nun meine ersten Familienfilme drehen. Alle Familienmitglieder wurden in meinem Erstlingswerk als gewichtige Darsteller verpflichtet und Goethes "Osterspaziergang" musste als literarische Verbrämung herhalten.
In den Oberschuljahren konnte ich natürlich meinen Filmtick nicht verbergen. Deshalb wurde ich in der FDJ-Schulgruppe zum "Kulturnik" gewählt. Dass dann die kulturellen Aktivitäten in unserer Schule filmisch kopflastig wurden, versteht sich von selbst. Praktisch bedeutete dies, dass ich z.B. Schulfesten mit Hilfe des schuleigenen TK-16-Projektors filmische Ingredienzien beigab.
In Verabredung mit unserem Deutschlehrer organisierte ich klassenübergreifend für Unterricht und FDJ-Nachmittage Filmreihen unter dem Motto "Verfilmte Weltliteratur". Dieser Deutschlehrer war übrigens der einzige vom Paukerkollegium, der vorbehaltlos an meine "Filmverrücktheit" glaubte und mich in meiner Zuversicht bestärkte, diese Triebkräfte in einer beruflich-soliden Ausbildung zu bündeln.
Die für diese Veranstaltungen notwendigen Filmkopien lieh ich vom Progreß-Filmverleih via Kreislichtspielbetrieb (KLB). Es war ja die Hohezeit des Landfilms. Das Fernsehen lag noch in den Säuglingswindeln.
Da lag die Frage des Landfilmchefs nahe, ob ich nicht gelegentlich für einen Landfilmvorführer eine Kranken- oder Urlaubsvertretung annehmen wolle. War das eine Frage!?! So lernte ich die liebliche Umgebung des Jenaer Landkreises kennen, verdiente einen "Pfennig" Geld, genoss das Projektorengeräusch als Seelenmassage meines Filmticks und so manche Schulaufgaben wurden auf den heruntergeklappten Deckeln des Schaltgerätes der TK 16/35 während der Vorführung gefertigt. Denn
am nächsten Morgen war ich ja wieder Oberschüler.
Einen Teil der Sommerferien verbrachte ich in der Heimat meiner Mutter, eines kleinen ostmärkischen Städtchens zwischen Königswusterhausen und Beeskow. Dort gab es auch ein stationäres Kino, das ein ehemaliger Tanzsaal war. An dessen Giebelseite befand sich der Vorführraum wie ein Schwalbennest. Eine steile Eisentreppe führte hinauf. In ihm surrten zwei betagte ERNEMANN-4-Projektoren mit noch nicht automatischen Kohlebogenlampenhäusern. Auch eine zusätzliche Heizung für die Sommerabende. Deshalb stand die Eisentür des Vorführraums weit offen. Bläulich-weiße Lichtleisten vom Kohlebogenlicht spießten sich durch die offene Tür in den Abenddunst. Ich stand am unteren Teil der Eisentreppe und blickte zum Vorführraum hinauf wie in die Kuppel eines erhabenen Doms!
Bald wurde ich der Umroller-Assistent des Vorführers und auch Kopienträger beim Filmtausch mit Eiern im Progreß-Filmverleih in der Schönhauser Allee in Berlin. Filmtausch mit Eiern ?
Mitte der fünfziger Jahre. Die Provinzkinos tauschten die Filmkopien selbst. Berlin ist eine offene Sektorenstadt. Bei der Grenzkontrolle in der S-Bahn auf dem Bahnhof Eichwalde mußten wir unsere Rucksäcke mit den Filmkopien vorzeigen. Zum Filmtausch durfte ich also den Vorführer als "Filmschaffender" - wir schafften ja den abgespielten Film weg - filmbüchsentragend begleiten. In der langen Schlange der Filmtauscher hatte ich die Ehre mich einzureihen, während der Vorführer mit drei Dreihundertmeterbüchsen, die er sehr behutsam aus dem Rucksack nahm, verschwand.
Wenig später war er wieder zurück. Die Dreihundertmeterbüchsen waren leer. Er rauchte eine Westzigarette. Die Eier waren in Westberlin!

Nach Westberlin ging auch mein Blick aus dem Fenster des Babelsberger Schlosses, das mehrere Jahre das Internat der Filmfach- und Hochschule war.
Ich hatte die nächste Etappe geschafft: vom jugendlich leidenschaftlichen Hobby war ich auf dem Weg zu einem Filmberuf. Von Mitte bis Ende der fünfziger Jahre lernte ich bei Professor Althaus - Chef der Fachrichtung Produktions- und Aufnahmeleitung - das Handwerkszeug dieses Berufszweigs.
Eigentlich hatte mich die Fachrichtung Kamera sehr interessiert. Da aber dafür die Studienplätze bereits vergeben waren, befreundete ich mich mit dem Vorschlag der Eignungskommission - diese glaubte offenbar bei mir ein organisatorisches Talent entdeckt zu haben - Filmökonomie zu studieren. In der Tat gehören unter anderem zur Beherrschung dieses Berufes vielseitige Kenntnisse aller zur Filmherstellung notwendiger Berufssparten und Gewerke
Schon während des Studiums gehörte dem Kurz- und Dokumentarfilm mein besonderes Interesse. Dies führte dann auch nach dem Studium zu meinem ersten Arbeitsplatz im DEFA Studio für populärwissenschaftliche Filme.
Zuvor jedoch gehörte ein wesentlicher Teil der Semesterferien privat organisierter Filmarbeit. Als Auftraggeber hatte ich mir die Staatliche Versicherung der DDR freundlich gestimmt. Für sie produzierte und inszenierte ich u. a. einen stummen
16-mm-Film mit dem Titel "Die Radfahrer" über richtiges Verhalten im Straßenverkehr. Dieser Film wurde mit vielen Kopien für die Verkehrsteilnehmerschulungen DDR-weit eingesetzt. Einige Zeit später geriet ich mit meinem Fahrrad in Babelsberg in eine abendliche Verkehrskontrolle. Das Rücklicht funktionierte nicht. Neben einem 3.- DDR-Mark teuren Ordnungsgeld wurde ich von dem Polizisten zu einer sonntäglichen Verkehrsteilnehmerschulung verpflichtet. Dann sagte er noch: "Da läuft ein ganz interessanter Film für Radfahrer“. Der war von mir.
Den Höhepunkt unseres Studienabschlusses organisierten zwei Kommilitonen und ich mit für die damalige Zeit ungewöhnlichem persönlichen Engagement: eine mehrmonatige Schiffsreise auf der MS "DRESDEN" (heutiges Traditionsschiff in Warnemünde) nach China und Vietnam. Aus der vietnamesischen Hafenstadt Haiphong nahm ich mir einen Rhesusaffen mit auf die Heimreise. An einem kalten
2. Januarmorgen trat ich zusammen mit meinem Affen - verstaut in einem Obstkorb, den ich im Suezkanal erwarb - meinen ersten Arbeitstag im DEFA "Popuwitsch" an. Der junge Absolvent mit Vietnam-Affen! Auch ein "schlechter Ruf“ verpflichtet, der aber kolossal.

Wer hat geprägt? - wichtige Filme - wichtige Kollegen
Endlich, endlich ... mich hatte das reale, praktische Berufsleben in die Arme genommen. Ob mein Südostasien Affen-Image in den ersten Tagen eine Rolle für den Ersteinsatz spielte, weiß ich nicht: auf jeden Fall wurde ich dem Filmstab "Gulliver" unter der Regie von Manfred Gußmann und der Kamera von Rudi Müller als Eleve der Produktions-Aufnahmeleitung zugeteilt. Im Filmjargon gibt es dafür eine weniger respektable Bezeichnung: Kaffeeholer.
Der Film "Gulliver" war die erste "Millionenproduktion'' des Studios mit aufwendigsten Dekorationen und der Anwendung aller nur denkbaren Aufnahmetechnologien. In eine bessere Praxisschule hätte ich gar nicht kommen können. Da wechselten Atelier- und Außenaufnahmen einander ab, da flog der Darsteller an Longen durch den Atelier-Weltraum, Rückprotechnik und komplizierte Vorsatzmodelle ließen Gulliver die Bekanntschaft mit Molekülen und Atomen machen, Mehrfachbelichtungen und Maskenverfahren gehörten dazu. Da gab es noch keine Computeranimation oder Blueboxverfahren. Das alles geschah auf 35-mm-Film und auch über Doppeltrickbank. Letztendlich verlangten diese Anforderungen komplizierte organisatorisch-ökonomische Lösungen. Und an denen durfte ich teilnehmend lernen. Großartig - das prägt.
Da war eine Kleinigkeit, so ganz nebenbei unserem Regie-Assistenten Karlgerhard Seher den Gefallen zu erweisen, einer von ihm geliebten jungen Schauspielerin 50 schwarze Rosen ins Haus zu bringen. Karlgerhard Seher wurde später einer der profiliertesten Unterhaltungsregisseure des DFF mit u.a. "Schlager einer großen Stadt“ und auch "Erfinder" der Sendereihe „Ein Kessel Buntes". Mein erster Film als selbständiger junger Produktionsleiter machte mich mit dem Genre Lehrfilm bekannt. Unter der Regie von Ulrich Rulf entstand ein Film mit historischen Sequenzen und dem Arbeitstitel "Ernte früher und heute". Das erforderte Schnitterkolonnen von Tagelöhnern, Großgrundbesitzer und Landadel beim Tee auf der Schlossterrasse und Mähdrescherkonvois sozialistischer Landwirtschaft für die Filmszene zu organisieren. Dies war auch eine gute Übung, bei der galt: Unmögliches wird sofort erledigt, auf Wunder darf man
wartenwarten warten gewartet werden !
warten.
Auch Ulrich Rulf wandte sich später der Unterhaltung im DDR-Fernsehen zu.
Als ob mir eine dunkle Ahnung schwante, dass wir DDR-Bürger für Jahrzehnte eingemauert sein würden, hatte ich den Kontakt zur Seereederei Rostock (China-VietnamSchiffreise) nicht abreißen lassen und organisierte mir eine Seereise auf einem DDR-Frachtschiff nach Südamerika (Argentinien, Uruguay und Brasilien). Einen Arbeitsurlaub lehnte die Studioleitung ab. Also kündigte ich kurzentschlossen, unternahm allein für fast fünf Monate diese wunderbare Reise. Dabei drehte ich auf 16mm einige kurze Sujets für das DDR-Fernsehen und fotografierte vor allem auf 6x6-Umkehr für mehrere Lichtbildshows. Durch diese Reise war ich einer der ersten DDR-Bürger, der die neue brasilianische Hauptstadt BRASILIA besuchte. Dieser "Blick über den DDR Suppentellerrand" hinaus war dann für mich auch der letzte für die folgenden rund 25 Jahre. Deshalb habe ich auch die Unterbrechung am Beginn meiner professionellen Filmarbeit niemals bereut. Im Gegenteil: meinem kosmopolitischen Inneren hatte ich unwiederbringliche Dimensionen hinzugefügt.Nach Südamerika "holte" mich mein Chef, Lehrer und später guter Freund Manfred Gußmann wieder ins Studio. Er war inzwischen neben seiner Regietätigkeit auch zum Leiter der Arbeitsgruppe "Industrie- und Werbefilm" berufen worden.
In der folgenden Zeit arbeitete ich als Produktionsleiter querbeet an den unterschiedlichsten Themen mit verschiedenen Kollegen divergierender Handschriften.
Da war z.B. ein Film zum "Bitterfelder Weg" unter der Regie von Nina Hartung und der Kamera mit Manfred Heim, der Regie-Grandseigneur Erich H. Barthel holte mich als Produktionsleiter zu seinem Film "Marophen" über die Leistungsfähigkeit der DDR-Pharmaindustrie.
Mit dem Regisseur Götz Ölschlegel entstand im DOK-Studio eine neue, anspruchsvolle Form der Mischung aus populärwissenschaftlichem und Dokumentarfilm.
Ich war stolz darauf, dass Götz Ölschlegel mich zu seinem Film "Geburtsort Magdeburg" holte. Als Leih-Kameramann vom DEFA-Spielfilmstudio kam Erwin Anders. Damit waren für dieses Vorhaben schon gehobene Ansprüche gestellt. Gerade die Bewältigung und Lösung schwierigerer Aufgaben auch im Filmmanagement führen zu Erfolgserlebnissen. Wie sehr ein exzellenter Organisationablauf dem Regisseur den Kopf für seine gestalterischen Intuitionen freihält, konnte ich in der Zusammenarbeit mit Götz Ölschlegel erleben. In dieser Zeit wuchs unmerklich mein Interesse für die Regietätigkeit. Für die ersten Teile der "Geschlechter-Serie" von Götz Ölschlegel war ich wieder sein Produktionsleiter.
In vertraulichen Gesprächen erörterte ich mit ihm die Möglichkeiten eines zweiten, externen Studiums im Fach Regie mit dem Ergebnis, dass er mein Mentor und ich sein Regieassistent wurde.
Das ging natürlich nicht ohne Hemmnisse. Ich höre heute noch den damaligen Direktor zu mir sagen: Zahlen Sie erst mal der Arbeiterklasse das Geld zurück, das sie für Ihr erstes Studium ausgegeben hat!".
Ungeachtet dessen haben Götz Ölschlegel und Manfred Gußmann - dann bereits Leiter der Arbeitsgruppe - behutsam die Weichen gestellt, über die meine beruflichen Intensionen ihrer Ansicht nach in die richtige Richtung geleitet werden sollten.
Praktisch bedeutete dies, dass ich mit erfahrenen Kameraleuten (z.B. Günter Biedermann) gekoppelt an Filmen für die Industriewerbung arbeitete. Götz Ölschlegel betreute mich beim Entwickeln der Bücher (z.B. TAKRAF-Industriewerbung) und Manfred Gußmann "erfand" personalpolitisch u.a. für mich ein neues Berufsbild, der "selbständig arbeitende Regieassistent".

Der "Verkehrskompass" - eine berufliche Lebensaufqabe
Im Sommer 1968 ließ Manfred Gußmann mich zu sich rufen und erklärte mir, dass er einen neuen, für die Gruppe ökonomisch nicht uninteressanten Auftrag zu realisieren gedenke. Es handelte sich um eine verkehrserzieherische Kurzfilmserie für das DDR-Fernsehen, die dem zwei Jahre zuvor in der BRD gestarteten "7.Sinn" DDR-spezifisch nachempfunden werden sollte. Auftraggeber war das Ministerium des Innern, Hauptabteilung Verkehrspolizei für den Inhalt und bezahlt wurde die Serie von der Staatlichen Versicherung der DDR. Für die erste Zeit waren jährlich etwa 50 Filme je 3 Minuten in s/w und 35 mm (kinotauglich) zu erstellen. Um diese Aufgabe regieseitig zu bewältigen, holte Manfred Gußmann den Regisseur Ulrich Kluck mit ins Boot.
Mir erklärte Manfred Gußmann, dass es sich bei diesem Vorhaben um einen Auftrag handele, bei dem ich meine bisherigen handwerklichen Erfahrungen ausprobieren und anwenden, dabei schnell, flexibel und aktuell reagieren könne. Nach seiner Ansicht handele es sich um zwei bis drei Jahre, dann sei die Straßenverkehrsordnung interpretiert und bebildert. Dass es dann 22 (zweiund - zwanzig) Jahre mit runden 1040 (eintausend) Sendungen werden würden, hätten wir uns alle in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können.
Nach den ersten Fingerübungen wurde mir klar, dass es wesentlich schwerer ist eine kurze Rede als eine lange zu halten und den wesentlichen Inhalt auf den Punkt zu bringen. Für jeden dieser kleinen Filme war ein Drehbuch zu entwickeln. Und genau da begann das Training der Verknappung, der Selektion aufs Wichtige in überzeugenden Bildausschnitten für die Zielgruppe Verkehrsteilnehmer. Das sind Kraftfahrer, Fußgänger, Rad- und Kradfahrer, Alte und Kinder.
Und dafür sollte, musste und durfte die ganze Klaviatur filmischer Mittel eingesetzt werden. Dramaturgisch wohl didaktisch, aber gefällig, nicht zu viel Zeigefinger, mehr eine Handreichung, zu Verhaltenstipps, dabei auch gedankliche und bildliche Synonyme verwendend.
Dazu waren Elemente des populärwissenschaftlichen und Werbefilms anzuwenden, Techniken von Zeitlupe, Zeitraffer, Rückpro, Zeichen-, Sach- und Grafik-Trick bis hin zum Einsatz von Kaskadeuren - heute sagt man neudeutsch "Stunt-Sequenzen".
Jeden Donnerstagabend um 21 Uhr musste ein neuer "Verkehrskompass" auf den Sender. Das erzeugte einen enormen Zeitdruck für das gesamte Kollektiv. Wir alle erkannten bald das Gesetz der Serie, dass nicht jeder dieser kleinen Filme ein Highlight sein konnte. Aber unsere handwerklichen Erfahrungen wuchsen.
Das verkehrsteilnehmende Fernsehpublikum gab uns gute Noten und freundliches Lob. Der Auftraggeber versah uns mit Verdienstmedaillen und Auszeichnungen. Und bald schon gab es auch ein internationales Echo auf unsere Arbeit. Mein Beitrag "Was kosten uns Verkehrsunfälle?" gewann auf dem internationalen Festival für verkehrserzieherische Filme in Zagreb den "Großen Preis".
Trotz solcher Stimuli stellt sich nach Jahren auch bei einer Ratgeber-Serie eine gewisse Monotonie und Routine ein. Es kam nach etwa zehn Jahren für mich der Punkt, an dem ich diese Aufgabe beenden wollte. Mir schwebten andere Filme - etwa aus dem Bereich der Denkmal- und Traditionspflege - vor.
Als meine Absichten bei Studioleitung und Auftraggeber ruchbar wurden, nahm man mich ins „Gebet". Einen Parteiauftrag konnte man mir nicht erteilen, da ich nicht Mitglied der SED war. Man appellierte an mein gewerkschaftlich-humanistisches Herz - seit meinem Studium bis heute aktiv - doch diese Aufgabe mit meinen inzwischen gewonnen Erfahrungen in "den Dienst der guten Sache" zu stellen. Das Zwischenergebnis lautete etwa: "Natürlich kannst Du zwischendurch auch mal einen ganz anderen Film machen, mach dazu Vorschläge, aber vor allem, keiner hat so viel handwerkliche Erfahrungen bei der Gestaltung einer solchen Kurzserie wie Du, lass Dir andere Erzählweisen dafür einfallen, mach' weiter..."
Für mich also grünes Licht, neben den gewohnten Ratgeberfilmen im Rahmen der Serie "Verkehrskompass" zwei wesentlich neue Serienteile einzuführen.
Das war erstens die satirisch-kabarettistisch angelegte Reihe "Gestatten, Meier", für die ich für Buch und Texte Heli Busse und für die Musik Bernd Wefelmeyer gewinnen konnte. Mir schwebte seit langem schon der sogenannte Durchschnittskraftfahrer in der Figur des Herrn Meier vor, der natürlich kein rücksichtsloser Rowdy ist, aber behaftet mit allen charakterlichen und temperamentsbedingten Nachlässigkeiten, die im Straßenverkehr zu Unfallgefahren führen können. Unseren Herrn Meier spielte dann die kommenden Jahre mit etwa 80 Filmen der begnadete Günter Schubert alias Meier, der immer mit einem blauen Auge davonkommt und am Schluss zu der Erkenntnis gelangt: "Das will ich nun gewiss nicht wieder tun!"
Mit der "Meier-Serie" war es uns gelungen, den doch immer wieder durchscheinenden didaktischen Zeigefinger bei einer Ratgeberserie besonders bei den zum Gesetz erhobenen Regeln im Straßenverkehr deutlich zu kompensieren. Das Fernsehpublikum applaudierte zu diesen "Meier"-Ratschlägen sehr freundlich.
Für mich waren die Anforderungen für diese Teilserie sehr "appetitanregend". Handelte es sich doch um spielfilmhafte Sequenzen und die Arbeit mit Schauspielern sowie in zunehmendem Maße mit Kaskadeuren, um Unfallsituationen realitätsnah ins Bild zu setzen.
Auch für alle anderen Mitglieder des Drehkollektivs wuchsen die Anforderungen. Das galt besonders für Produktionsleitung und Kamera, nicht zuletzt auch für technisch spezielle Assistenz. Dafür stehen Namen wie Waldi Döring, Dietmar Hildebrandt, Siegfried Oschatz, Hans Borrmann und Bernd Bünsch.
Zweitens: die für mich schönste und berufsethisch anspruchsvollste, wohl auch für alle Beteiligten erfolgreichste Serie innerhalb des "Verkehrskompaß" war die "Ampelmännchen, Stiefelchen und Kompasskalle"- Reihe für das DDR-Kinderfernsehen "Sandmännchen"
Während sich bisher alle Kinderthemen im "Verkehrskompaß" an den Erwachsenen als juristisch Verantwortlichen für das Verhalten der Kinder im Straßenverkehr wandten, legten wir unter dem Eindruck der Unfallzahlen Anfang der 80er Jahre diese Serie auf, die in kindgemäßer Erzählweise für Vorschul- und Unterstufenkinder im "Sandmännchen"-Abendgruß ausgestrahlt wurde. Inhaltliche Grundlage dieser Filme waren die wissenschaftlichen Studien über Kinderunfälle in der DDR von Dr..Rolf Wieczorek. Für Buch und Texte konnte ich den erfolgreichen Kinderbuchautor Nils Werner und für die Musik Reinhard Lakomy gewinnen. Gestalterische Kernidee war, die beiden Ampelmänner, die Kinder dieser Zielgruppe als Verkehrszeichen aus der Fußgängerampel bereits kennen, als gezeichnete Trickfigur animiert ins Realbild einzubeziehen. Immer wenn sich für die beiden Titelhelden Stiefelchen (Vorschulkind) und Kompasskalle (Unterstufenschulkind) eine gefährliche Situation anbahnt, kopierten wir über die Doppeltrickbank z.B. den im Zeichentrick animierten roten Ampelmann ein, hielten die Situation auf Standkopie an und ließen ihn erklären: "Halt, mein Junge, halte an!" ruft der rote Ampelmann. Dann erklärt er in einem Merksätzchen, welche Unaufmerksamkeit zu der gefährlichen Lage führte. Der grüne Ampelmann gibt den Kindern einen guten Tipp, wie man an welcher Stelle die Straße überqueren kann. Kalles Hund Wuffi ordneten wir die Rolle der Lernfigur zu, damit nicht Kinder Kinder belehren müssen. Schon nach einem Jahr Sendezeit konnten wir ein beglückendes Echo auf unsere Arbeit erleben, in dem uns zwischen Rügen und Erzgebirge Kinder entsprechenden Alters die Textreime des Vor- und Abspanns aufsagen konnten: "Stiefelchen und Kompasskalle, das sind Kinder wie ihr alle. Ich, der grüne Ampelmann, bin ein Freund, der helfen kann..." Auch die internationale Anerkennung für unsere Arbeit ließ nicht auf sich warten. Auf dem alle zwei Jahre stattfindenden Internationalen Festival für verkehrserzieherische Filme in Karlovy Vary (Karlsbad) erhielten wir 1984 einen Großen Preis für die Serie "Gestatten Meier" und 1986 den Hauptpreis für die "Ampelmännchen"-Serie. Aus Anlass des 20jährigen Jubiläums der Sendereihe "Verkehrskompass" wurden wir 1988 abermals mit einem "Großen Preis" für unser Gesamtschaffen in Karlsbad ausgezeichnet. Ebenfalls für 20 Jahre mediale Verkehrserziehung bedachte man uns im Kollektiv mit den "Theodor-Körner-Preis" der DDR.
Von nun an ging es bergab ...die Wende und danach…
Da unser Arbeitsgeber, die DEFA, ein volkseigener Betrieb war und das Fernsehen der DDR, das unsere Arbeiten verbreitete, zu den Machtapparaten der Staats- und Parteiführung der DDR gehörte, waren sie nach Ansicht der "Blühenden Landschaften-Verbreiter" mit Stumpf und Stiel zu liquidieren.
Und dies geschah mit preußisch-deutscher Gründlichkeit. Wir Mitarbeiter der DEFA wurden gekündigt und in die Arbeitslosigkeit entlassen. Die "Kompass"-Filme wurden auf Nimmerwiedersehen in irgendwelche Archive verbannt.
Wie konnten da Trabant, Wartburg oder Lada zur Gefahr im Straßenverkehr werden? Statistisch ist nicht nachzuweisen, wie vielen DDR-Verkehrsteilnehmern durch unsere medialen "Handreichungen" Tod oder lebenslange gesundheitliche Schäden erspart blieben.
Von nun an hatte der "7.Sinn" aus Köln, auf die Frequenzen von DDR 1 und 2 aufgeschaltet, den „Neuen“ Bundesbürgern zu genügen.
Ich hatte über 20 Jahre nicht nur meinen Job gemacht, sondern hatte mich immer auch mit dem moralischen Anliegen seines Inhalts zutiefst identifiziert. Also unternahm ich 1990/91 ohne jedes offizielle Mandat unzählige Reisen nach Bonn, um dort im Bundesverkehrsministerium, bei der "Deutschen Verkehrswacht", dem "Verkehrssicherheitsrat" sowie der "7.Sinn Produktion" in Bergisch-Gladbach mein Herzanliegen als ehemaliger DDR-Filmemacher vorzutragen, dass man zur deutschen Wiedervereinigung auch die besten Erfahrungen und Qualitäten beider deutscher verkehrserzieherischen Medienmacher vereinigen könnte. Mein Gott, war ich naiv! Ich hatte zu dieser Zeit noch nicht begriffen, dass der Osten als marktwirtschaftliche Konkurrenz zu vernichten war!
Aber: geblieben war mir das Potential meiner beruflichen Qualifikation und Erfahrungen.
Dieses Kapital zu erkennen und zu „vermarkten“, das war das Problem nach 30jähriger Festanstellung bei der DEFA.
Der Rest ist schnell erzählt. Mein Erfahrungsschatz, u.a. professionell Gefahrensituationen (siehe "Verkehrskompass") filmisch zu gestalten, hat mir ab 1992 einen projektbezogenen Job bei der RTL-Sendereihe NOTRUF eingebracht, bei der ich bis 1999 über 50 Beiträge gestaltete. Aus meiner Ostperspektive gesehen, hat man mich fürstlich bezahlt. Geld aber ist kalt - die kollegialen Beziehungen waren auch kalt!
Parallel zu diesem Zeitabschnitt konnte ich bis heute infolge meiner erworbenen Erfahrungen und Kompetenzen an einer schönen Aufgabe teilnehmen. Durch das Bundesverkehrsministerium werden im Rahmen der Verkehrsprojekte "Deutsche Einheit" alle wesentlichen Neu- und Ausbauten von Autobahnen in den neuen Bundesländern in Langzeitdokumentationen festgehalten. Hier hatte und habe ich die Möglichkeit, die besten Traditionen und handwerklichen Mittel des populärwissenschaftlichen und Dokumentarfilms einzubringen. Inzwischen habe ich im Laufe der Jahre mehr als zwanzig 30-minütige Filme für diesen und auch andere Auftraggeber gefertigt.
Von den ehemals etwa 900 Mitarbeitern des DEFA-Studios für Dokumentarfilme ist nur wenigen ein erfolgreicher Neuanfang gelungen. Sie mussten sich systembedingt zu Einzelkämpfern profilieren Das aber will erlernt und trainiert werden. Ein schützendes betriebliches Dach gibt es für sie nicht mehr.
Zu denen, die es nach der Wende geschafft haben, ihre Professionalität erfolgreich zu verkaufen, zähle ich auch mich. Haben wir neben handwerklicher Integrität unter dem DEFA-Dach noch anderes erfahren?
Da waren kürzlich einige runde Geburtstage von ehemaligen DEFA-Mitarbeitern. Obwohl sich manche mehr als zehn Jahre nicht gesehen hatten, feierten zwischen 40 und fast 100 Kollegen. Wenn man ein Quäntchen Nostalgie abrechnet, das solchen Treffen anhaftet, dann machte ein Begriff die Runde, der Ursachen und Gründe für die herzliche Atmosphäre der Veranstaltungen benennt: die unter dem DEFA-Dach erfahrene "Nestwärme", das immer solidarische Miteinander.