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KINDERFILM
 



 

Thomas Kuschel

Die Tragik eines Genres
Kinderfilme im DEFA-Dokumentarfilmstudio


Schaut man zurück auf die Geschichte dieses erfolgreichen Filmstudios der DDR, so ist es immer wieder überraschend, wie viele Filme dort hergestellt und wie viele Genre dort bearbeitet wurden.
Viele wissen, dass dort die Wochenschau „Der Augenzeuge“ entstand, natürlich auch die bekannten Dokumentarfilme von ca. 20 min Länge als Beiprogramm für den Hauptfilm im Kino. Überlange Dokumentarfilme für den Sondereinsatz waren schon seltener, nahmen aber mit den Jahren an Häufigkeit und Bedeutung zu. Ein wesentlicher Teil des Produktionsvolumens des Studios waren Aufträge des Fernsehens, angefangen vom Sandmännchen. Auch Unterrichtsfilme wie „English for You“ oder „Russisch für Sie“, dann medizinspezifische Lehrfilme, klassische populärwissenschaftliche Berichte, Ausbildungsrichtlinien für die Feuerwehr bis hin zu dokumentaren Geschichtsserien und Porträtfilme über Weltstars wie Theo Adam oder Orchester wie das des Gewandhauses in Leipzig.
Eine durchaus sehenswerte Produktionspalette dieses einmaligen filmischen Warenhauses, das von 1946 bis 1991 in Berlin und Babelsberg existiert hat.

Was die wenigsten wissen: auch Kinderfilme für den Einsatz im Kino und im Fernsehen kamen aus diesem DEFA-Dokumentarfilmstudio.
Das waren – wie man in einem Dokumentarfilmstudio vermuten kann – natürlich Dokumentarfilme für Kinder. Aber später auch Spielfilme in voller Programmlänge für den Einsatz im Kinderprogramm der Kinos.

Wie und warum diese Produktionsschiene entstand, nie ganz richtig ernst genommen wurde und auch später wieder verging, sollte vielleicht gesondert erörtert werden.
Ich kann nur erzählen, was ich weiß, meine Erfahrungen weiterleiten und meine Freude vermitteln, an dieser Entwicklung maßgebend beteiligt gewesen zu sein.

Angefangen hat alles schon 1955, als Wolfgang Bartsch eine Co-Produktion mit der CSSR realisierte. „Gebirge und Meer“, der Austausch von Kindergruppen aus der Hohen Tatra und von der Ostsee lassen den Kinder-Zuschauer damals völlig ungekannte Landschaften entdecken.
Auch andere Kollegen haben immer mal wieder und sehr sporadisch in den darauf folgenden Jahren für Kinder gedreht. Kurt Tetzlaff, drehte den Spielfilm "Jens und der Kasper".
Erst 1970 haben Trutz Meinl und Werner Kreiseler die Kinderfilmproduktion ins öffentliche Bewusstsein des Studios gerückt. Die Serie „Clown Ferdinand“ mit dem tschechischen Schauspieler Jiri Vrstala eroberte in dieser Zeit alle Kinderherzen.
13 Teile sind damals entstanden und im Fernsehen ausgestrahlt worden.
Seit 1970 ging es dann in Babelsberg „Schlag auf Schlag“.
Eckard Potraffke drehte „Kalle – eine Geschichte für Neugierige“, Thomas Kuschel ein Jahr später „Hund über Bord“ und Wolfgang Bartsch dann „Ferien und das alte Haus“ Immer mehr festigte sich die Tendenz, Geschichten mit echtem Spielfilmcharakter für die Kinder zu erzählen.
Tragisch an dieser Produktionsstrecke war ihre nicht so richtig einzuordnende Thematik in einer Studiowelt, in der alles seine Schubkästen hatte. „Kinderspielfilm“, dieses Wort passte nicht so recht in die Struktur eines Dokumentarfilmstudios.
„Kinderspielfilm“ saß zwischen allen thematischen Stühlen und niemand, der sich für das Thema interessierte, erwartete eigentlich, solche Filme in den Archiven oder Katalogen eines Dokumentarfilmstudios zu finden. Zeitnahe Filmkritik hat sie auch mangels Öffentlichkeitsarbeit kaum wahrgenommen. So blieb bis heute dieser Fundus nahezu ungeöffnet.

Alle diese Kinderspielfilme waren für den normalen Kinoeinsatz im Kinderprogramm – also Samstag- oder Sonntagnachmittag – konzipiert. Diese Kinokinderprogramme bestanden oft und gern aus mehreren Filmen – also: ein oder zwei kürzere Vorfilme (keine Wochenschau!) und dann der Hauptfilm. Dieser Programmgestaltung kam die Länge von 60 – 65 min sehr entgegen. Der Filmvertrieb „Progreß“ hat auch immer wieder auf diese optimale Länge für den Einsatz im Kinderprogramm hingewiesen.
Bei Begegnungen mit unseren Zuschauern hat sich das bestätigt. Und wir hatten oft Gelegenheit mit den Kindern über unsere Filme zu sprechen: in Gera auf dem jährlich stattfindenden Nationalen Kinderfilmfestival, während der ebenfalls jährlich stattfindenden Sommerfilmtage (einer 10-tägigen Rundreise durch verschiedene Städte und Kinderferienlager) und bei eigens organisierten Testvorführungen, die meist in Potsdam oder Babelsberg stattfanden. Besonders eindrucksvoll für die jungen Zuschauer war es, wenn an diesen Veranstaltungen auch einige Schauspieler teilnahmen, denen natürlich dann „Löcher in den Bauch“ gefragt wurden. Ecke Potraffke wird viel erzählen können, wie die Kinder „seinen“ Gojko Mitic belagert, umringt, erdrückt und ausgefragt haben. Kinder sind ein dankbares Publikum – das wissen alle, die jemals für diese Rabauken produziert haben. Aber sie sind auch ehrlicher, kritischer und rücksichtsloser in ihrem Urteil – auch das wissen alle. Ich glaube, wir dürfen stolz sein, vor diesem Publikum mit unseren Filmen bestanden zu haben. Jeder einzelne Streifen war immer neben der Geschichte, die erzählt wurde, auch Inspiration, Vergnügen, Wissensvermittler und Abenteuerlieferant.
Ich erinnere mich an eine typische Geschichte, wo während der Sommerfilmtage 1975 der Schauspieler Wolfgang Greese von den Kindern gefragt wurde, wie er sich denn in dem Film („Die Bösewichter müssen dran ...“) den 25 Meter hohen Turm abgeseilt hätte, ob das schwierig war, ob man dafür trainieren musste usw.
Wolfgang Greese hat am ersten Tag noch zu erklären versucht, dass man da gar nicht wirklich hinunter muss, sondern, dass das mit Schnitt und Trick und Kaskadeuren schon zu lösen sei ... Die Kinder hörten gespannt zu, waren aber irgendwie ein wenig enttäuscht. Am zweiten Tag kam die selbe Frage wieder und Greese fabulierte schon ein bisschen mehr über seine sportliche Leistung – kurz, am siebenten Tag hatte sich Wolfgang Greese „wirklich abgeseilt“, schmückte das Ereignis noch mit erfundenen Gefahren aus. Die Kinder hingen an seinen Lippen – er kann ja wirklich gut erzählen – und ich glaube, zum Schluss war er schon selbst der Meinung, diesen Turm in einer Bravouraktion schwerelos hinuntergeklettert zu sein.

Die „Kinderfilmer“ im Betriebsteil Babelsberg, das war eine Truppe von Leuten, die keinesfalls homogen, aber doch von einer gemeinsamen Idee beseelt war. Wolfgang Bartsch, Thomas Kuschel, Trutz Meinl, Eckhard Potraffke, Franz Sporer, Joachim Niebelschütz, Rudi Schmal, Georg Kilian, Jürgen Greunig, Richard Ritterbusch, Uli Kling und Evert Beewen. Auch Kurt Tetzlaff hat ja einen Ausflug in dieses Genre unternommen. (Wer noch dabei war möge sich melden und es mir verzeihen, man wird alt und vergisst.)
Dazu kamen im Berliner Betriebsteil in der Otto-Nuschke-Str. die zumeist fürs Fernsehen arbeitenden Kollegen Günter Meyer, Ernst Cantzler, Konrad Weiß, Nina Freudenberg und Bodo Schulenburg.

1975 beschloss die Studioleitung eine Zusammenfassung der Bestrebungen um den Kinderfilm. Im Berliner Betriebsteil hatte sich eine eigene Kinderfilmgruppe um Bodo Schulenburg und Hans Goldschmidt installiert. Die Babelsberger Kollegen wurden gebeten, von Stund an ihre Filme in Berlin zu produzieren. Gleichzeitig wurde die theoretische Diskussion angestoßen, eine spezielle Form des Kinder-DOKUMENTAR-Films zu entwickeln. Kinder-SPIELFILM stand aus produktionsorganisatorischen Gründen in Berlin überhaupt nicht mehr zur Debatte.
Die meisten Babelsberger Kollegen haben diesen Schritt nach Berlin nicht mitgemacht – klug vorausschauend, was passieren würde.
Drei Enthusiasten, Optimisten oder Positivdenker – man könnte sie einfach auch Dummköpfe nennen – haben den Weg nach Berlin angetreten: Franz Sporer, Thomas Kuschel und Georg Kilian.
Gestartet sind wir dort mit der für uns neuen, geforderten dokumentaren Erzählweise. Ein Film über das Leben der Kinder in dieser Welt sollte entstehen. Nach anfänglicher Begeisterung der Studioleitung brach das Thema immer mehr in sich zusammen. Lediglich ein Fünftel des Buches konnte realisiert werden – der Teil, der in Bulgarien angesiedelt war. Dann wurde die Produktion gestoppt und aus dem für den größeren Film konzipierten Bulgarien-Material musste ein eigenständiges Endprodukt zusammengeschnitten werden.
Georg Kilian war der erste, der den Braten roch. Nach einem knappen Jahr „Berliner Erfahrungen“ war er wieder in Babelsberg. Franz Sporer hielt es acht Monate länger aus. Ich versuchte mich irgendwie anzupassen und machte dort noch zwei dokumentare Kinderfilme und zwei „normale“ Dok-Filme. Kinderfilm, das war ja über viele wichtige Jahre meines Lebens ein echtes berufliches „Zuhause“ für mich geworden. Ich wollte und konnte die Flinte nicht gleich ins Korn werfen. Also habe ich es unter den neuen Bedingungen erst einmal probiert. Doch bald stellte sich heraus (was viele von uns von vornherein wussten), dass die Diskussion um dokumentare Kinderfilme ungefähr der Diskussion glich, wieviele Engel denn auf einer Nadelspitze Platz hätten.
Wie meine beiden Kollegen vor mir kam ich letztendlich weder mit den thematischen Vorgaben der Leitung der Arbeitsgruppe Kinderfilm klar, noch mit den produktionsorganisatorischen und auch menschlichen Voraussetzungen in Berlin. Ich bemühte mich um eine Rück-Versetzung in den Babelsberger Betriebsteil und wußte, dass damit ein wichtiges Kapitel in meiner beruflichen Laufbahn zu Ende war. Die Rückkehr war nicht mehr so einfach, wie bei Kilian und Sporer; ist mir nach monatelangen Bemühungen dann schließlich aber doch gelungen, weil ich einen „großen“ Stoff in einer anderen Arbeitsgruppe ansiedeln konnte.
Doch das ist eine andere Geschichte – eine völlig neue Etappe in meinem beruflichen Leben.

Nach meinen Erinnerungen wurden im Betriebsteil Babelsberg des
DEFA-Studios für Dokumentarfilme folgende Kinderfilme produziert:

Wolfgang Bartsch, Regisseur
„Gebirge und Meer“ 1955 DokFilm 20 min
„Rauch über der Insel“ 1958 Spielfilm 40 min
„Küsschen und der General“ 1961 SpielFilm 80 min
„Ferien und das alte Haus“ 1973 Spielfilm 45 min
„Der alte Rhin“ 1984 DokFilm 20 min

Trutz Meinl, Regisseur
„Clown Ferdinand“ 1970 – 1974 7 Folgen Spielfilm
pro Folge 30 min

Werner Kreiseler, Regisseur
„Clown Ferdinand“ 1970 – 1974 6 Folgen Spielfilm
pro Folge 30 min

Thomas Kuschel, Regisseur
„Hund über Bord“ 1971 Spielfilm 64 min
„Kaugummi für die Fünfte“ 1972 Spielfilm 62 min
„Willi, Wally und das Schweinchen Wurstel fahren
zu den Weltfestspielen“ 1973 Spielfilm 60 min
„Micha und Radi“ 1974 SpielFilm 45 min
„Die Bösewichter müssen dran ... " 1975 Spielfilm 64 min
„Hinter den Sieben Bergen ...“ 1976 Dok.Film 30 min
„Werden wie der General“ 1976 Dok.Film 30 min
„Der Einzug ins Schloss“ 1977 Dok.Film 45 min

Eckhard Potraffke, Regisseur
„Kalle – eine Geschichte für Neugierige“ 1970 Dok.Film 20 min
„Lotse an Bord“ 1971 Dok.Film 25 min
„Begegnungen mit Gojko“ 1973 DokFilm 25 min
„Roland“ 1973 DokFilm 15 min
„Kleiner Hund – ganz groß“ 1976 Dok.Film 25 min
„Schwarz und weiß“ 1988 Dok.Film 20 min
„Anja und ihre Freunde“ 1989 Dok.Film 12 min

Kurt Tetzlaff, Regisseur
„Jens und der Kasper“ 1963 Spielfilm 60 min