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LALLA |
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Richard Ritterbusch und Gustav Materna im Gespräch mit Lalla
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Richard Ritterbusch: Unter dem Namen Lalla kannte Dich im Betrieb jeder – vom Pförtner bis zum Direktor. Nur in der Lohnbuchhaltung und in der Personalabteilung wussten die Kollegen noch, dass Du Karl-Heinz Baarts heißt. Wir freuen uns, dass Du gekommen bist, um über Deine Arbeit im Studio zu berichten.
Lalla: Wenn sich ehemalige Kollegen treffen, bin ich für sie auch immer noch Lalla. Für mich ist dieser Name so selbstverständlich geworden, dass ich mich manchmal auch heute noch bei Behörden als Lalla vorstelle. Und über mein Leben im Studio spreche ich gern. Meinen erlernten Beruf als Bäcker musste ich nach einer abgeschlossenen Lehrausbildung von drei Jahren und nach zweijähriger Gesellenarbeit aus Krankheitsgründen im August 1950 aufgeben. Ich bewarb mich dann sofort – mit drei Bürgen, wie es damals üblich war - beim Defa-Studio in Babelsberg, das auf dem Gelände des ehemaligen Althoff-Studios entstanden war, als Geländearbeiter. Diese sehr vielseitige Arbeit beinhaltete die Haus- und Hofarbeit, zur damaligen Zeit auch Kohle schippen, Bühnenmaterial entnageln usw. Auch wurde ich zeitweise als Hilfe in der Beleuchtung und beim Bühnenbau eingesetzt. Im Jahre 1951 schaffte ich dann bereits den Sprung in die Abteilung Beleuchtung, der ich dann bis zu meinem Ausscheiden angehörte. In diesen frühen Jahren haben 80 Leute in der Beleuchtung gearbeitet. Die Arbeit in der Beleuchtung hat mich mein ganzes Arbeitsleben bis zum Ausscheiden aus dem Studio am 31.12.1992 – obwohl sie besonders am Anfang auch eine körperlich schwere Arbeit war - vollkommen ausgefüllt und zufrieden gestellt. Meine Arbeit hat mir immer viel Spaß und Freude gemacht. Durch eigene Kreativität, durch unbedingte Pünktlichkeit, konsequente Einsatzbereitschaft und Disziplin und durch kollegiales Verhalten im Kollektiv hatte man auch alle Möglichkeiten voranzukommen. Entscheidend war der Wille zur Einsatzbereitschaft – zur damaligen Zeit waren Dreharbeiten innerhalb der DDR nicht unter vier bis sechs Wochen und länger ohne jede Unterbrechung üblich. Und wir haben oft 12 bis 15 Stunden gearbeitet. Eine Heimreise am Wochenende gab es in der Regel nicht. Allein die Bedingungen am Drehort oder das Wetter bestimmten wie lange außerhalb gearbeitet wurde. Auch die Familie musste das ohne Klagen akzeptieren. Es gab einige Fälle, wo Kollegen wieder kündigten, weil die Frauen die Arbeit ihrer Männer außerhalb nicht akzeptieren konnten. Meist dann, wenn sie schon eine Beziehung hatten und erst dann im Studio zu arbeiten begannen. Besser war es, wenn sich die Beziehung erst entwickelte, wenn die Männer schon im Außendreh arbeiteten. Später hat das Studio durch eigenen Kindergarten, eigenen Betriebsarzt und andere soziale Einrichtungen, zu denen auch betriebseigene Ferienheime an der Ostsee – in Göhren auf Rügen, in Zingst auf dem Darss - und in Leubnitz im Vogtland gehörten, das Leben für die Frauen und Familien erleichtert. Dass ich mich in meiner Arbeit so wohlfühlte, hing ganz wesentlich mit den Dreharbeiten in allen Gebieten der DDR und im Ausland zusammen. Ich wollte immer lernen, andere Menschen und ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen und andere Landschaften kennenlernen. Für meine Neugier bot die Arbeit im Dokumentarfilmstudio Möglichkeiten, die es in anderen Betrieben nur selten gab – vielleicht noch in einigen Zweigen der Exportindustrie. Was ich in all den Jahren kennengelernt habe, was mir das Studio alles gegeben hat, ist hier nicht mit Worten wiederzugeben. Natürlich gab es Vorlieben. Wie gerne bin ich ins Stahlwerk gefahren, wenn es auch immer knüppelhart war mit 300 bis 400 KW und drei Tagen Aufbau, dazu gehörten auch die Dreharbeiten unter Tage, die Seereisen nach Afrika oder mit der Hochseefischerei mehrere Monate auf dem Atlantik zu fahren oder mit der Filmserie "Russisch" mehrere Jahre die Sowjetunion zu bereisen. Es sind nur einige wenige Arbeitssituationen, die ich hier benenne. Aber sie haben mein Leben geprägt. In dieser Zeit war schon der Grundstein gelegt, dass sich hier wie in einem Familienbetrieb – und das in allen mit dem Film verbundenen Sparten - das möchte ich besonders betonen, ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl herausbildete. Besonders herausstellen möchte ich die gute Zusammenarbeit in den Drehkollektiven, die Zusammenarbeit mit den künstlerischen Mitarbeitern wie Kameraleuten, Regisseuren und Produktionsleitern – meist wie in einer gut funktionierenden Familie. Besonders in der Zusammenarbeit mit den Kameraleuten gab es feste Prtnerschaften. Für unsere Arbeit galt: ohne gutes Licht keine guten Bilder - ohne gute Bilder kein guter Film! Mein persönlicher Werdegang wurde durch Otto Müller (damals Abteilungsleiter und Beleuchtungsmeister) maßgeblich gefördert. Ich war immer bereit Verantwortung zu übernehmen, zu meinen Kollegen ein kollegiales Verhältnis aufzubauen. Mitte der 60er Jahre wurde ich dann zum Brigadeleiter berufen und übernahm ein Kollektiv. Die Aufstiegsleiter nahm ihren Fortgang, so dass ich 1975 nach 25jähriger Betriebszugehörigkeit und einigen Lehrgängen zum Beleuchtungsmeister ernannt wurde. In den 80er Jahren wurde mir der Bereich Beleuchtung übertragen, den ich verantwortungsvoll bis kurz nach der Wende leitete. In den fast 43 Jahren der Angehörigkeit zum Defa-Studio gab es natürlich auch kurze Krisenzeiten – oder wie man es nennen will –, z.B. die mehrmalige Umprofilierung und Umbenennung des Studios oder der mehrmalige Wechsel der Direktoren und Parteisekretäre. Das alles hat uns im Bereich Beleuchtung aber nie so richtig aus der Ruhe gebracht. Wir waren ein gutes und festes Kollektiv. Ich war auch in der Gewerkschaft aktiv. Dort habe ich ungeschminkt unsere Meinung zu den Problemen des Betriebes gesagt. Und wir bekamen ja sehr schnell einen Termin bei den Leitern oder auch beim Direktor, wenn wir dort angerufen haben. Nach der Wende fand ich in einer Einschätzung, dass sich bei mir ‚sozialdemokratische Phantasien’ fänden. Aber geschadet hat es mir nicht. Ich bin heute noch stolz, dass ich in einem solchen "Familienbetrieb" – das hat nichts Anstößiges an sich – arbeiten durfte und konnte.
Richard Ritterbusch: Um bei dem Familienbetrieb zu bleiben. In den siebziger Jahren hatte ich einen schweren Unfall – u.a. ein Rippenserienbruch und einen Trümmerbruch des linken Fußgelenks mit einem Gips bis zum Oberschenkel. Nach drei Wochen durfte ich das erste Mal übers Wochenende nach Hause. Mein Freund der Regisseur Tetzlaff versprach mir das zu regeln. Am Sonnabend erschien dann ein großer, breit gebauter und sehr kräftiger Mann in der Klinik und nahm mich mit meinen 70 Kilo wie ein Kind in den Arm und trug mich vom ersten Stock bis zu Tetzlaffs Auto, eines der ersten Wartburg-Cabrios der DDR – als offener Wagen hervorragend für einen solchen Krankentransport geeignet. Auch nicht viel mehr als eine 10 KW mit Stativ, sagtest Du bei dieser Gelegenheit. Was haben denn die Lampen gewogen, mit denen Du und Deine Kollegen in der Beleuchtung tagtäglich zu tun hatten?
Lalla: Am Anfang hatten wir ja noch die schweren alten Lampen aus dem Althoff-Studio, die dort auch schon lange ‚im Dienst’ waren. Da hattest Du schon, oft noch mit dem Stativ, so 40 bis 50 Kilo auf dem Buckel, wenn Du damit über den Studiohof zum Atelier oder im Stahlwerk gelaufen bist. In den Jahrzehnten ist ja die Beleuchtung technisch mittlerweile doch schon ins Alter gekommen, und wir mussten uns Gedanken machen, wie geht es nun weiter. Fernsehen und Spielfilm verfügten über Devisen und hatten auch staatliche Auflagen zu erfüllen. So wurde in den siebziger und achtziger Jahren ein Neuererkollektiv gebildet, das sich mit den genannten Betrieben gemeinsam Gedanken machten musste, wie man innerbetrieblich Halogentechnik selbst entwickeln kann. Diese Entwicklung der Halogentechnik war ein toller Erfolg. Ein weiterer Schritt voran und eine Erleichterung für alle. Darauf aufbauend wurden weitere Entwicklungen angedacht – u.a. was die HMI-Technik betraf. Wenn es auch nur kleine Schritte waren – so waren sie doch erfolgreich und haben uns beim Drehen operativer und beweglicher gemacht und uns ganz wesentlich die Arbeit erleichtert.
Gustav Materna: Was ist denn von der "Familie" nach dem Ausscheiden aus dem Betrieb geblieben?
Lalla: Wir sind ja nicht mehr die Jüngsten und da gibt es schon empfindliche Lücken. Aber viele aus den alten Kollektiven treffen sich immer wieder – einer ergreift da immer die Initiative. Zum Beispiel Eberhard Opitz. Wenn er einlädt, kommen immer recht viele Kollegen. Und bei mir treffen sich auch immer ein paar Kollegen. Einfach um sich zu sehen und natürlich auch, um über die ‚alten Zeiten’ zu klönen. Und dann gibt es die ‚runden’ Geburtstage. Da treffen sich schon viele Kollegen. Bei Kling, Beewen, Tetzlaff oder Bergmann, um nur einige zu nennen, treffen sich, im ehemaligen Studio oder oft auch im Filmmuseum so 50 bis 250 Kollegen. Da lebt noch das alte und in vielen Jahren bewährte Zusammengehörigkeitsgefühl aus dem DEFA-Dokumentarfilmstudio. Tschüss DEFA.
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