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 DOKUMENTARFILM
Günter Jordan
G. Nickel
Lalla
K. Tetzlaff
H. Haase
Winfried und Barbara Junge
I.Ritterbusch
Hans-Eberhard Leupold
Jürgen Overmann

GITTA NICKEL
 


Liebe Gitta.

zu Deinem heutigen 70. Geburtstag ganz herzliche Glückwünsche - auf dieser Website spreche ich dabei auch sicher im Namen vieler Kollegen.
Ich mag viele Deiner Filme sehr und ich habe immer sehr geschätzt, dass Du sehr ehrlich zu Dir selbst und zu Deinen Freunden warst und bist.
Und ich frage mich oft, was Du jetzt wohl machst und rufe Dich an und hoffe dann, dass Dein Projekt Fortschritte macht. Das wird wohl auch in Zukunft so sein.
Und ich freue mich mit Dir, wenn Deine früheren Filme irgendwo laufen, was ja immer wieder der Fall ist. Und immer noch mit engagierten und praxisnahen Diskussionen.
Und ich freue mich, wenn ich Dich treffe, Dich sehe und mit Dir reden kann.
Und ich wünsche mir, all das bleibt noch lange so.
Alles Gute!
Richard Ritterbusch
28.Mai 2006



Richard Ritterbusch
im Gespräch mit

Gitta Nickel


 
 

Woraus hast Du die Energie genommen, dem Dokumentarfilm bis heute treu zu bleiben?

Ich verfüge bis heute über eine mich prägende Eigenschaft. Ich bin sehr neugierig auf andere Menschen, und ich will immer möglichst genau und im Detail wissen, was der Andere gemacht hat, wie er lebt, wie er denkt, was er hinter sich gebracht hat, was er erreicht und was er erlitten hat, was seine Wünsche und Hoffnungen sind. Und das ist eine Neugier für die Menschen. Und ich bin mir sicher, dass diese ständige und nie versiegende Neugier ein entscheidender Antrieb war und ist, Dokumentarfilme zu machen.

Bei meinem Lehrer Ernst Bloch habe ich begriffen, dass eine aufmerksam befragende und hinterfragende und letztlich auf die Totalität ihrer Gegenstände gerichtete Neugier eine wesentliche Vorraussetzung einer aufklärerischen und emanzipatorischen Haltung ist. Daher verstehe ich gut, was Du über Deine Neugier als eine Lebens- und Schaffensquelle sagst.
Woran kannst Du Dich in Deiner Kindheit erinnern, was wichtig für Dich war und wie bist Du später zur DEFA gekommen?

Wenn ich ganz an den Anfang gehe war ich ein neugieriges quirliges Ding, in Ostpreußen geboren. Da gab es einen Gasthof, und in diesem Gasthof gab es auch einen Kinosaal. Einmal im Monat wurden dort Filme gezeigt. Ich kann mich erinnern - ich war vielleicht mal gerade fünf - ich habe so gequengelt, bis meine Eltern mich dann meist mitgenommen haben. Ich habe diese schrecklichen Nazi-Wochenschauen gesehen. Aber was mich natürlich am meisten fasziniert hat, waren Filme mit Marika Röck. Ich wollte so werden wie Marika Röck. Dann kam mit dem nahenden Kriegsende die Flucht und so landete ich in Blankenburg im Harz. Wenn ich das mal so ganz grob erzähle, dann war dort besonders interessant, dass die Oberschule eine Laienspielgruppe hatte. Da war ich sofort dabei, und wir haben tolle Sachen gespielt. Eine ‚Hauptrolle’ im Revisor oder der Heiratsantrag von Tschechow – etwa 100mal gespielt – das war meine Welt. Ich wollte dann auch Schauspielerin werden. Natürlich haben mir alle davon abgeraten; mein Großvater lebte noch und auch meine Mutter. Und die sagten mir beide, ich solle einen anständigen Beruf erlernen und außerdem wüsste man ja sowieso noch nicht was man könnte – usw.

Ich habe mich schließlich in Berlin an der Humboldt-Universität für ein Pädagogik-Studium beworben und dann dort Germanistik und Pädagogik studiert. Ich habe das Staatsexamen gemacht und bin komischerweise Lehrer. Aber ich bin nie Lehrer gewesen, habe den erlernten Beruf nie ausgeübt. Dann lernte ich 1957 den Pressechef des DEFA-Spielfilmstudios kennen. Von ihm erfuhr ich, dass die DEFA-Studios Hochschulabsolventen suchten. Ich bin dann mit großer Beharrlichkeit zum Direktor des populärwissenschaftlichen DEFA-Studios in Babelsberg vorgestoßen und habe ihm klar gemacht, dass ich unbedingt in dieses Studio muss.
Ich bekam ein Volontariat und verdiente auch schon mein erstes Geld – ich verdiente 600,00 Mark. Das war ein wahnsinniges Geld, ich war auch darüber sehr froh. Ich war bei den unterschiedlichsten Regisseuren und habe so von der Pieke auf gelernt. Ganz wichtig war für mich, dass ich bei Elfi Böttrich schneiden lernen konnte, denn ich habe ja später als Autorenfilmerin meine Filme - ganz gleich ob 16- oder 35mm Filme - selbst geschnitten.

Ich hatte dann die Möglichkeit im DEFA-Studio für Spielfilme arbeiten zu können und habe dort Erfahrungen machen dürfen, die ich sonst nie gemacht hätte. Ich kam zu ganz tollen Regisseuren: zu Joachim Kunert, zu Ralf Kirsten und zu Konrad Wolf. Das werde ich nie vergessen; das war eine ganz großartige Zeit des Reifens für mich.

Anfang der 60-er Jahre holte Karl Gass mich wieder in das Studio für populärwissenschaftliche Filme. Ich bin dann neben Winfried Junge und Werner Wüste seine Assistentin geworden. Mein Einstieg in die Dokumentarfilmarbeit begann mit der Mitarbeit an seinen Filmen „Feierabend" und „Asse"“. Da habe ich sehr viel davon begriffen, was Arbeit am Dokumentarfilm ist. Und ich hatte auch bald die erste eigenverantwortliche Aufgabe, nach Hohenselchow im Oderbruch zu gehen und dort einen Dokumentarfilm vorzubereiten; selbstverständlich unter der strengen, aber immer Raum für eigene Initiative lassenden Aufsicht von Karl.

Kannst Du, in der gebotenen Kürze, wichtige Lebens- und Schaffensetappen benennen?

Natürlich drängte ich sehr früh danach selbständig zu arbeiten. Mein erster Film entstand infolge eines Berichts in der Berliner Zeitung über einen deutsch-sowjetischen Kindergarten, der mein Interesse an diesem Stoff weckte. Und so entstand ein vorwiegend beobachtender Film unter dem Titel „Wir verstehen uns", mit dem ich einen ersten großen Erfolg hatte. Der Film wurde auch auf das Dokumentarfilm-Festival nach Moskau geschickt und bekam dort ein Diplom. In der thematischen Folge habe ich dann den Film „…dann springt mein Herz" über das Ensemble der sowjetischen Streitkräfte in der DDR und als dritten Film zur deutsch-russischen Freundschaft „Sibirien mein Haus" in eigener Autorenschaft und Regie gemacht. In diesem Film haben wir den Aufbau einer ganzen Kaskade von Wasserkraftwerken, die an der Angara entstanden, verfolgt. Das war für mich vor allem ein Film über tolle junge Leute, die hier eine echte Pionierarbeit unter schwierigen Bedingungen leisteten.

Nach einigen anderen Filmen erhielt ich den ersten Westauftrag, den ich realisieren durfte. So kreuzte der Westberliner Produzent Manfred Durniok meinen Weg – man brauchte ja Valuta in der DDR – und ich erhielt den Auftrag, einen Film über den entstehenden Fernsehturm mit dem Titel „365 m über Berlin" zu produzieren. Dadurch konnte ich meine ersten Erfahrungen mit einer westlichen Auftragsproduktion machen; Erfahrungen, die mir später sehr nützlich waren.

Als nächste wichtige neue Arbeitsphase folgten meine Porträtfilme. Ein wirklich großes Porträt und in meiner Entwicklung ein sehr wichtiger Film war der Film über Walter Felsenstein; bis heute auch das einzige wirklich große Porträt über diesen einzigartigen Intendanten und Regisseur. Ich war sehr glücklich, als dieser Film in Leipzig eine ‚Goldene Taube’ erhielt. Als nächste Arbeit über gestandene große und international anerkannte Künstlerpersönlichkeiten, von denen ich immer auch für meine Arbeit sehr viel gelernt habe, folgte ein Film über Gret Palluca.

Und dann ging es schon knallhart in den Gegenwartsdokumentarfilm der langen Metrage. Da ist mit dem Film „Heuwetter" (1972) gewissermaßen für mich ein ‚Klassiker’ entstanden, an dem ich mich in mancher Hinsicht immer wieder gemessen habe. Mit diesem Film habe ich erste große internationale Preise gewonnen: in Oberhausen, einem für uns wichtigen Festival, bekam der Film einen Hauptpreis und einen Preis der Jungsozialisten, und in Leipzig erhielt der Film eine ‚Silberne Taube’.

Dann ging ich nach Vietnam, in einen bisher fremden Kulturkreis, in dem ich unter schwierigen Bedingungen wichtige neue Sichtweisen gewann. Dort habe ich drei Filme gemacht. Für meinen Film „Tay Ho – Das Dorf in der 4. Zone" erhielt ich in Leipzig eine ‚Goldene Taube’.

Es folgten wieder Porträts: „Paul Dessau", „Konrad Wolf" und „Musikanten – Das Gewandhausorchester Leipzig".

Gibt es jetzt noch Eckpunkte wo Du neue Erfahrungen in der künstlerischen Arbeit - bei der Wahl und Bewältigung Deiner Stoffe gemacht hast?

Ja, mit dem Film „…und morgen kommen die Polinnen". Das ist dieses Integrationsthema, ein Film über Polinnen, die zu uns kamen, um die Hühnerschlachterei zu erlernen. Es wurde ein Film, der auch die Politikphrasen über die Integration der sozialistischen Länder hinterfragte.
In diesem und den folgenden Filmen versuchte ich meinen Partnern noch näher zu kommen. Ich begann noch intensiver nachzufragen. Ich wurde ernster im Herangehen. Ich glaube, in dieser Zeit entwickelte sich auch eine sehr gesunde kritische Haltung, und ich hab mich auch direkter gestellt; in den Abnahmen oder in der Auseinandersetzung mit einer unsachlichen Kritik. Ich habe natürlich auch meine Fäden gesponnen und habe Verbündete gesucht. Weil ich wusste, da wird mir geholfen, da wird dir theoretisch, philosophisch geholfen – da wird dir das Rückgrat gestärkt. Du musstest ja Verbündete haben. Das war Karl Gass, das warst Du – wer war das noch? Pehnert natürlich. Gute Regisseure an meiner Seite. Auch Winfried Junge sei hier genannt. Wir hatten auch große Kämpfe – ich kann mich noch erinnern, wie wir den Film „Vladimir Pozner" fertig gestellt haben. Zur Abnahme erschien ein leitender Mitarbeiter des DDR-Fernsehens und erklärte, dass der Film überhaupt nicht gehen würde, weil der Stoff nicht bewältigt sei und politisch wäre das alles ganz falsch. Ich habe ihm sehr scharf meine Meinung gesagt und ihn dann praktisch rausgeschmissen aus der Gruppensitzung. Das hätte ich mich ja früher so nicht getraut. Man wurde kämpferischer und mutiger. Und da haben wir so manches durchgebracht.
Natürlich habe ich mich auch manchmal mit Fingerspitzengefühl zurückgezogen. Bin einen vertretbaren Kompromiss eingegangen, nur um den Film zu retten. Um nicht unsinnige und sinnlose Amputationen vornehmen zu müssen.
In der Weise war ich sehr achtsam. Ich betrachtete ja jeden Film als mein Kind und da habe ich gewacht wie eine Glucke.
Ich möchte noch betonen, die Strecke Dokfilmfestival hat mir auch sehr geholfen. (Gitta Nickel war Mitglied des Komitees Internationale Dokumentar- und Kurzfilmwoche in Leipzig seit 1974. R.R.) Wir haben sicherlich Fehler gemacht, aber insgesamt war es ein großartiges Festival und wir sind auch geprägt geworden durch dieses Festival. Wir hatten den Kontakt zur Welt. Und vielen hat dieser Kontakt nach der Wende sehr geholfen. Und die Tatsache, dass unsere Filme in Leipzig auf einem internationalen Festival Erfolg hatten, hat diese Filme auch in der DDR geschützt. Ich entsinne mich an meinen Film „Manchmal möchte man fliegen“.
„Manchmal möchte man fliegen" produzierte ich 1980. oziale Lage der Bevölkerung;
„Manchmal möchte man fliegen" produzierte ich 1980. Man muss ja immer den politischen Hintergrund sehen. Es ging um die soziale Lage der Bevölkerung; es ging umWohnungen, Wohnungen, Wohnungen. Weil wir viel zu wenig Wohnungen hatten. Und da hat die SED die Aufgabe gestellt, in dem Berliner Stadtteil Marzahn ein neues Wohngebiet mit tausenden Wohnungen zu bauen, damit die Leute endlich mal raus aus den alten Berliner Drecksbuden kamen, wo es kein Bad gab; die Toilette auf halber Treppe war. Für die Leute war das wie ein Glückstreffer, wenn sie in so eine Wohnung ziehen konnten. Wir hatten vorher den Film „Jung sein und was noch" herausgebracht. Über junge Leute, über Werftarbeiter. Auch ein sehr kritischer Film. Wir haben sehr großen Erfolg gehabt in Leipzig. Aber auch wieder nur in Leipzig. In den Kinos erschien er kaum. Aber er erschien wenigstens noch. Die Parteiführung hat sich mit dem Film befasst und im Politbüro haben sie sich sehr aufgeregt über diesen Film…’die fängt an sich aufzulehnen wie Biermann’, hieß es.
Naumann, der Erste Sekretär der Bezirksleitung der SED in Berlin, hörte von dem Film und hat sich den Film kommen lassen. Er fand den Film interessant und gut. Das Ergebnis: die Nickel soll so einen Film machen über Marzahn und die jungen Bauarbeiter in Berlin. Damit erhielten wir – unser kleines Team - den Auftrag, den Film zu produzieren. Ich möchte bei dieser Gelegenheit die für mich sehr wertvolle, langjährige und arbeitsteilige Zusammenarbeit mit meinem Mitautor Wolfgang Schwarze und dem hervorragenden Kameramann Niko Pawloff besonders hervorheben. Unser Auftraggeber wünschte, dass wir eine Brigade wählen, die schon bekannt war. Wir haben uns aber die schwächste ausgesucht. Die 13. Taktstraße. Die schwächste und letzte. Und über die haben wir den Film gemacht. Da gab’s natürlich sehr viel Ärger als wir unseren Film fertig hatten. Wir haben es geschafft, ihn vorerst in Leipzig auf dem Festival vorstellen zu dürfen. Und der Film wurde mit einer silbernen Taube ausgezeichnet. Das schützte uns bis zum gewissen Grade. Aber dann meldete sich der Zentralrat der FDJ und stellte in einem in der Presse veröffentlichen offenen Brief die Frage an mich, „Wer sind die Helden unserer Zeit"? Grundtenor des Briefes war, dass wir nicht die richtigen positiven Helden und Vorbilder im Film porträtiert hätten. Ich hab mich aber nicht aus der Ruhe bringen lassen und konnte insofern sehr schön kontern, weil gerade ein Filmkongress geplant war, auf dem ich reden sollte. Ich habe erklärt, dass ich solange nicht öffentlich auftrete, solange dieser Film nicht gezeigt wird. Daraufhin wurde der Film noch mal geprüft, wurde noch mal abgenommen durch das Politbüromitglied Kurt Hager, die Leiterin der Abteilung Kultur im ZK der SED, Frau Ursula Ragwitz und Horst Pehnert, den Filmminister. Offensichtlich hatte ich bei Hager wohl doch einen Stein im Brett. Noch wichtiger, man konnte schwer auf mich verzichten in dieser Zeit. Eine große Rolle spielte auf jeden Fall, dass der Film so erfolgreich in Leipzig auf dem Internationalen Festival gelaufen war. Irgendwie haben wir unsere Filme immer so geplant, dass sie möglichst zum Leipziger Festival fertig wurden. Das gehörte zu unserer Taktik. Dann wurde er freigegeben.

Es gab ja wohl eine Bemerkung von Hager bei der Freigabe des Films?

Wir waren ja nicht dabei bei solchen Vorführungen. Sonst hätte man sich ja ganz anders verteidigen können. Der Filmvorführer hat mir dann nach der Wende folgendes mitgeteilt: beim Verlassen der Vorführung habe Hager gesagt: ‚Diesmal lassen wir sie noch fliegen, nächstes Mal fliegt sie’. Und ich glaube auch, das wäre so geworden. Noch so was hätte ich mir in der allernächsten Zeit nicht leisten können.
Ich habe das schöne Material wieder rausgeholt, als wir 1999 einen Film über Marzahn, wie es heute ist, gemacht haben. Mit dem schönen Titel „Die da in der Platte – Geschichten aus Marzahn". Dabei bin ich vielen Leuten aus dem Film „Manchmal möchte man fliegen" wieder begegnet. Und ich habe meine Geschichte weitergeführt.

Du hast doch auch später Filme gemacht, in denen du die Beziehungen zu Deinen Partnern vor der Kamera wieder aufgenommen hast.

Wir haben es in zwei Fällen durchgestanden. Einmal mit dem Marzahnfilm und mit „Heuwetter", der damals ja auch schon ein Klassiker war. So konnten wir zeigen, wie es den Leuten heute geht, wie sie sich entwickelt haben. Natürlich sind einige schon nicht mehr dagewesen. Ganz wichtige Leute. Z.B. die Kälberzüchterin Frieda Franz. Aber der KAP-Vorsitzende Fritz Krause, der hat noch mal hochinteressante Auskünfte gegeben, über das was war und über das, was jetzt ist. Was ja genauso kritisch zu sehen ist. Ein wichtiger Film über deutsche Geschichte auf dem Lande. Und eine wichtige Protagonistin war auch diese Gutsbesitzerin, Gutspächterin; ihr Mann, der Gutsherr, war leider schon verstorben. Aber sie lebt heute noch – sie ist über 90, ist aber geistig sehr klar. Und die Kinder von der Kälberzüchterin Frieda. Denen geht’s allen nicht so besonders. Sie alle haben mit der Arbeitslosigkeit zu tun. Natürlich eine ganz andere geselllschaftspolitische Situation. Und den Leuten geht’s nicht besser. Ich würde sagen, schlechter.

Du hast dich also nicht getrennt von deinen früheren Partnern vor der Kamera?

Nein. Man ruft sich ja nicht jeden Tag an. Es vergeht Zeit. Man muss ja auch wieder in der Gegend sein. Aber wenn wir können – da muss ich auch Wolfgang mit einbeziehen – besuchen wir die Leute wieder. Oder wir fragen an. Wir wollen wissen, wie es ihnen ergangen ist.
Wir haben 5 Reihen á 5 Filme, das sind 25 kleine Filme, gemacht. Immer wieder bröselst Du ein Schicksal auf. Und auch das ist als ob wir uns schon ewig kennen.
Ich muss zu dem heutigen Filmemachen etwas sagen; ich meine, wir hatten zu DDR-Zeiten – jetzt kann man den Vergleich wagen – wir hatten zu DDR-Zeiten glänzende Bedingungen. Das kann ich heute vergessen. Das Budget ist meist sehr knapp, die Drehzeit ist sehr knapp, die Schnittzeit ist sehr knapp. Wenn ich nicht diese gute Routine erworben hätte, ich weiß nicht, ob ich das so mit Bravour geschafft hätte, wie ich es geschafft habe nach der Wende. Es ist ein ganz anderes Filmemachen.

Und was ist positiv nach der Wende?

Positiv ist nach der Wende, dass Du nicht Deine Antennen ausfahren musst, geht denn das politisch? Um das Kind zu schützen. Das war es, was einen genervt hat, was einen oft fertig gemacht hat. Jetzt kannst Du Dich dem Thema widmen. Natürlich muss man ins Kalkül ziehen, kriegst du den Auftrag überhaupt und ist das Geld da. Das Geld spielt eine Riesenrolle. Es verhindert leider manches. Ja, und dann – ich glaube, dass ich formbewusster geworden bin. Ich gestalte bewusster und bin dabei immer sehr auf die Wirkung bedacht. Das muss sitzen, das muss funktionieren.
Der Formwille ist stärker ausgeprägt. Und dann ist noch etwas zu erwähnen - nach der Wende hörte unser Kameramann Niko Pawloff leider auf und hinterließ eine Lücke im Team. Sein letzter Film war „Ich war Bürger der DDR". Wolfgang und ich hatten dann die Möglichkeit wirklich große Filme zu machen. Wie eben „Ich war Bürger der DDR". Oder „Die neue Republik – 5 Jahre danach". Hochinteressante Filme noch heute. Wie die Leute plötzlich merken, was Kapitalismus ist.

Wie lange willst Du noch Filme machen?

Solange es mir Spaß macht. Das Filmemachen ist doch eine Leidenschaft. Das hält mich jung, das bringt mich auf Ideen, und ich kann immer wieder neue Erfahrungen machen. Wir haben den schönsten Beruf der Welt! Ich könnte viel mehr machen. Aber die Sender haben nicht genug Geld für den Dokumentarfilm. Man verliert auch immer wieder seine Ansprechpartner. Teilweise hatten wir im ORB sehr gute Ansprechpartner. Dann kommen dir wieder total unbekannte Menschen entgegen.
Ach, ich denke, ich werd’ noch eine Weile weitermachen. Aufhören kann ich nicht.

Was würdest Du der jungen Generation empfehlen? Worauf sollen sie achten?

Achten sollten sie darauf, dass man sich nicht selbst einen Realitätsverlust zimmert, dass man nicht zuviel im Studio oder zu Hause hockt. Die können ja die Realität leider gar nicht so erleben, wie wir sie erlebt haben. Wenn wir damals Recherchen gemacht haben, da hatten wir Zeit – auch für das scheinbar nebensächliche, das oft so wichtig wird. Und die Recherchen wurden auch noch vom Studio bezahlt. Unvoreingenommene, gründliche und immer weiterfragende Recherchen sind eine ethische Prämisse des Dokumentarfilmschaffens!
Und – ich denke, man muss politisch Bescheid wissen und man muss die gesellschaftspolitische Wirklichkeit aufmerksam verfolgen und befragen; dazu auch viel lesen. Sonst wird man Filme machen, die daneben sind.
Dokfilm gibt’s schon noch im Fernsehen. Er läuft sehr spät, das wissen wir auch. Aber es könnte sehr viel mehr sein. Die Leute würden das schon annehmen. Ich höre immer die Frage, wenn ich irgendwo auftrete, – ich mache ja bewusst sehr viele Veranstaltungen – wo gibt es denn diese Filme? Das sind hoch interessante Gespräche, in denen man viel lernen kann. Immer den Kontakt mit dem Zuschauer zu suchen, wäre sicher eine weitere Empfehlung.
Ich halte es auch für sehr wichtig für die eigene Entwicklung, dass man versucht im Ausland, in fremden Kulturzonen zu drehen. Sicher fördert es auch die Toleranz, aber ganz wichtig ist, dass man seine Heimat besser versteht und auch selbstbewußter wird im Umgang mit den deutschen Problemen.
Was soll man den jungen Leuten noch sagen? Ich glaube, sie müssen von Anfang an wissen, es ist ganz schwer, vom Dokumentarfilm zu leben. Dazu gehört schon sehr viel Idealismus, wenn man frei arbeitet, wenn man das durchstehen will. Man muss besessen sein. Was soll ich noch sagen: man muss ehrlich sein. Das beginnt damit, dass man versucht, ehrlich sich selbst gegenüber zu sein.

Und was sollte man den Sendern heute sagen für den Umgang mit Dokumentaristen und mit Dokumentarfilmen?

Erstmal müsste man dem Dokumentarfilm mehr Raum, mehr Sendezeit geben und auch das Programm stärker mit ihm formen. Ich spreche hier nicht von den kleinen journalistischen Reportagen, die ohne Zweifel wichtig sind. Ich spreche vom Dokumentarfilm der langen Metrage, von 45 bis 90 min. Es gibt zuviel banale Soaps und geschwätzige, voyeuristische Talk-Reihen. Es wird immer gesagt, dass die Leute das wollen. Ich glaub das nicht so bedingungslos, wie es behauptet wird. Quoten sagen aber nicht immer etwas über die Qualität der jeweiligen Sendung aus – zunächst sind sie ein Urteil über die Beliebtheit einer Sendung und sie charakterisieren auch den
Geschmack und das Niveau der Zuschauer.
Geschmack Niveauund und Geschmack der Zuschauer.
Was ich bewundere ist, dass wir inzwischen eine Reihe von sehr guten Moderatorinnen haben. Da ist eine ganze Reihe von interessanten und klugen Frauen. Beispielsweise sehe ich Frau Maischberger sehr gern auf dem Bildschirm.

Meine letzte Frage: woran arbeitest Du?

Gegenwärtig schließe ich die Arbeiten an einem Film über den Dir gut bekannten Filmkomponisten Karl Ernst Sasse ab. Er wird im November gesendet. Ich erwarte dann Deine Kritik.


 

Ihre wichtigsten Filme*

Wir verstehen uns 1965
…dann springt mein Herz 1966
Sibirien mein Haus 1970
Walter Felsenstein 1970
Gret Palucca 1971
Heuwetter 1972
Tay Ho – Das Dorf in der 4. Zone 1973
Paul Dessau 1974
…und morgen kommen die Polinnen 1974
Konrad Wolf 1977
Jung sein – und was noch? 1977
Verbrennt nicht unsere Erde 1980
Manchmal möchte man fliegen 1980
Musikanten – Das Gewandhausorchster 1981
Gundula – Jahrgang 58 1982
Und der Mensch lebt auf der Erde 1983, gesendet 1989
Vladimir Pozner 1984
Zwei Deutsche 1988
Den Wind auf der Haut spüren 1989
China – mein Traum, mein Leben 1990
Leb’ wohl Deutschland 1991
80 Jahre Babelsberg – Glanz und Elend einer Filmstadt 1991
István Szabó 1993
Ich war Bürger der DDR 1993
Es begann in Eberswalde 1995
Schalom Genossen 1996
Jedes Jahr ist Heuwetter 1997
Rentner haben niemals Zeit 1998, 5 Teile
Fips Fleischer – Ich bin ein Live-Man 1998
Die da in der Platte – Geschichten aus Marzahn 1999
Schilkins Schnapsideen. Ein Mensch, ein Wort, ein Wodka 2000
Bunte Ehen 2000
Zu Hause in Ostpreußen 2001
Der Gosenwirt 2002
Dresdner Knabenstimmen erobern die Welt 2002
Ich habe alles außer Zirkus gemacht – Der Filmkomponist Karl Ernst Sasse 2003

*Die Auswahl wurde von Gitta Nickel zusammengestellt