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 DAS STUDIO
Geschichte des Studios
Ökonomie und Produktion
Technik des Studios

GESCHICHTE DES STUDIOS
 




Übernommen aus:

Drehort OstWest 2005
Dokumentation

Preußens Glanz und Sachsens Gloria

Dokumentarfilmwerkstatt des europäischen Filmdialogs

25. bis 27. November 2005
Schwerin
Dokumentation der
Filmgespräche und Podiumsdiskussion
zum Programmteil
„DEFA-Dokumentarfilme 1989/90“

Herausgeber: Mecklenburg-Vorpommern Film e.V./
Landesfilmzentrum Wismar 2006


Zur Situation des DEFA -Dokumentarfilmstudios 1989/90
Richard Ritterbusch


"Es lag der Wunsch vor, das Alltägliche zu dramatisieren und es
der damals vorherrschenden Dramatisierung des
Außergewöhnlichen gegenüberzustellen: der Wunsch, den Blick
des Durchschnittsbürgers von den Weiten der Welt hinweg zu
denjenigen Ereignissen zu wenden, die sich vor seinen Augen
abspielen, zu seiner eigenen Geschichte. Daher kamen wir
immer wieder auf die Handlung "vor der eigenen Haustür"
zurück."

Diese frühe Aussage John Griersons über das eigene Schaffen
charakterisierte auch die Intensionen der Dokumentaristen des DEFA-Studios für Dokumentarfilme.
Ein unmittelbarer Zugang zum Alltag, eine unaufdringliche, ebenso sinnliche wie sensible, geduldige
und analytische Beobachtung der Lebenssphären seiner Protagonisten war eine humanistische
Tugend der Dokumentarfilmer der DEFA. Das Anliegen der Autoren und Dramaturgen, der
Regisseure und Kameraleute des Studios war es, für die Würde und den aufrechten Gang ihrer
Mitbürger und auch für die Würde der Erniedrigten und Beleidigten in dieser Welt einzutreten.

Einige Filme des Studios, die diese Haltung dokumentieren, sind hier gelaufen.

Die Dokumentarfilmproduktion für den Kinoeinsatz gewährte ihren Schöpfern größere Möglichkeiten
und Freiräume bei der Wahl der Stoffe und ihrer Gestaltung als für andere Auftraggeber.
Die für den Kinoeinsatz produzierten Dokumentarfilme waren das wahrhaftigste Medium in der DDR.

Sie genossen ein hohes Ansehen und erreichten ein großes Publikum, weil sie es den Bürgern ermöglichten,
nach der Ansicht der Filme ihre eigenen Probleme zu diskutieren.
Der zwischen dem Progress Film-Verleih und dem DEFA-Studio für Dokumentarfilme für das Jahr
1989 vereinbarte Vertrag sah für den Kinoeinsatz die Produktion von 46 Filmen für 8.410.000 Mark
(der DDR) vor. Neben den an einen Spielfilm gekoppelten Kinobeiprogrammfilm in einer Länge von
15 bis 20 min. wurden vor allem die Kinozusatzprogrammfilme in einer Länge bis max. 40 min. und die
abendfüllenden Kinodokumentarfilme auch für den sogenannten Sondereinsatz mit anschließender
Diskussion produziert.

Im Juli 1988 besuchte mich der Studiodirektor Heinz Rüsch in meiner Wohnung und bat mich, die
Tätigkeit des Chefdramaturgen zu übernehmen. Als 'Gorbatschowianer' - bei maßloser
Überschätzung der intellektuellen und charakterlichen Fähigkeiten Gorbatschows - lebte ich damals in
der illusionären Hoffnung auf eine andere, bessere DDR. Ich sagte Rüsch unter der Bedingung zu,
dass besonders die Filme, die den Weg in eine andere, demokratische DDR begleiten könnten,
besonders gefördert würden. In direkten persönlichen Absprachen mit H. Rüsch gelang es, Angriffen
von Hardlinern auf Filme wie "Winter Ade", "Unsere Kinder" oder "...und freitags in die Grüne Hölle"
abzublocken oder -wie Lew Hohmann hier schon erwähnte -ihm die Dreharbeiten mit Bürgern, die
die DDR verlassen hatten, zu ermöglichen, um nur einige Beispiele zu nennen. Übrigens wurden auch
die Dreharbeiten von Andreas Voigt bei den Demonstrationen in Leipzig von der Studioleitung durch
Technik und Material unterstützt, wie er mir erst kürzlich in einem Interview bestätigte und natürlich
auch von seinen Kollegen.

In der Zeit der Wende versuchte die Studioleitung durch die Umwandlung des Studios in eine GmbH
den Produktionsstandort unter den komplizierten Bedingungen des sukzessiven aber schnellen
Wegbrechens aller Auftragsproduktionen und schließlich auch der Progressproduktionen zu erhalten.
In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass 1989 von einer Jahresproduktion des Studios von
50,3 Mio. Mark nur 15. Mio. Mark auf die Produktion für das Lichtspielwesen entfielen. Neben den
Dokumentarfilmen für das Kino wurden von dieser Summe noch vier Kinderfilme, 12 Folgen Treffpunkt
Kino und 14 Dokumentationen und Auftragsfilme des Ministeriums für Kultur finanziert, deren
Produktion ebenfalls schnell eingestellt wurde.

Die Leitung der DEFA-Dokfilm GmbH unter F. Seidel und später Th. Schmidt hat im Frühjahr und
Sommer 1990 versucht, die Filmproduktion unter den neuen Bedingungen mit den Kollegen, die sich
noch mit dem Studio verbunden fühlten, so weit wie möglich aufrecht zu erhalten. Einige Filme, die im
Betriebsteil Berlin produziert wurden, haben wir hier wieder gesehen.

Ich wurde beauftragt, im Betriebsteil Babelsberg neue Auftraggeber und Geldgeber für die Produktion
zu gewinnen. Für die Leitung der GmbH - inzwischen unter der Herrschaft der Treuhand - war dieser
Standort deshalb wichtig, weil er über ein riesiges Grundstück und eigene Produktionsateliers verfügte
und die Kollegen dort auch Erfahrungen mit der Auftragsproduktion hatten. Bei meinen Bemühungen,
neue Auftraggeber zu finden, half mir, dass etwa die Chefredaktion des SFB mich aus meiner
Tätigkeit als Vorsitzender der Auswahlkommission des Leipziger Festivals kannte und es mir auch
gelang, mit dem Ministerium für Kultur des Landes produktive Beziehungen herzustellen. In enger
Zusammenarbeit mit den künstlerischen Mitarbeitern und unter ihrer aktiven Mithilfe gelang es, eine
Reihe interessanter und guter Dokumentarfilme zu produzieren, die hier leider nicht gezeigt werden
konnten - z.B. Filme von Kurt Tetzlaff, Hans-Dieter Rutsch, Konrad Herrmann, Thomas Kuschel.

Obwohl wir immer wieder eine Reihe konkreter Vorschläge unterbreiteten, unterstützte die Treuhand
unsere Bemühungen um den Erhalt und Ausbau des Studios als ostdeutsche Produzenten in keiner
Weise, weil sie nur am Verkauf des Studios interessiert war. Auch ihre gescheiterten Verkaufsversuche
-etwa an einen Münchner Werbefilmproduzenten -schädigten das Ansehen des Standortes
sehr und waren gegenüber unseren Intensionen höchst kontraproduktiv.